Fitmacher fürs Herz?

Mit Nahrungsergänzungsmitteln können wir unsere Herz-Kreislauf-Gesundheit fördern – behauptet zumindest die Werbung. Aber was sagen wissenschaftliche Studien? Für FOOD Forum – Das Ernährungsfachmagazin habe ich erläutert, welche Präparate potenziell nützlich sind und von welchen Sie besser die Finger lassen sollten. Von Martin Smollich.

Wenn es um das Thema herzgesunde Ernährung geht, denken die Meisten sicherlich an Kochsalz. Tatsächlich beeinflusst Kochsalz unseren Blutdruck. Doch um Herz und Kreislauf etwas Gutes zu tun, vertrauen viele Menschen auf Nahrungsergänzungsmittel. Im Fokus stehen dabei ihre vermeintlich positiven Effekte auf den Blutdruck, die Atherosklerose (umgangssprachlich Arteriosklerose bzw. Gefäßverkalkung genannt) sowie auf erhöhte Cholesterinwerte.

Aber: Wie immer bei Nahrungsergänzungsmitteln lohnt es sich auch hier, mit prüfendem Blick zu differenzieren. Denn während einige Präparate zumindest leichte positive Effekte haben können, sind andere komplett unwirksam oder teilweise sogar potenziell gesundheitsschädlich.

Die Frage, ob Nahrungsergänzungsergänzungsmittel zur Verbesserung der Herzgesundheit wirksam sind oder nicht, wurde inzwischen in vielen Studien untersucht. Die letzte große Auswertung stammt aus dem Jahr 2019 und wurde unter Leitung von Professor Erin D. Michos an der Johns Hopkins School of Medicine (Baltimore, USA) durchgeführt (Khan et al. 2019). In diese Analyse wurden Daten aus 277 Studien mit insgesamt knapp einer Million Teilnehmern eingeschlossen. Welche Mittel sollten wir im Blick haben und worauf ist zu achten?

Arginin wirkt blutdrucksenkend

Arginin ist eine Aminosäure, also ein natürlich vorkommender Baustein von Proteinen. Es ist in pflanzlichen wie in tierischen Lebensmitteln weit verbreitet, etwa in Fleisch, Hülsenfrüchten und Nüssen. Im menschlichen Körper ist Arginin an der Blutdruckregulation beteiligt. Es führt indirekt zu einer Weitung der Blutgefäße und damit zu einer geringfügigen Senkung des Blutdrucks. Für diesen Effekt sind Dosierungen von mindestens 6–8 Gramm pro Tag erforderlich.

Über die normale Ernährung nehmen wir täglich ca. 2–5 Gramm auf. Besonders Arginin-reich sind Fisch, Fleisch, Milch- und Sojaprodukte. Ohne ärztliche Kontrolle sollten Arginin-Präparate bei Herz-Kreislauferkrankungen auf keinen Fall eingenommen werden, da es zu Wechselwirkungen mit Blutdrucksenkern, Blutverdünnern und Potenzmitteln kommen kann. Auch in den Wochen nach einem Herzinfarkt sollte man kein Arginin einnehmen. Zudem kann Arginin Allergien oder Asthma verschlechtern.

Kalzium muss vorsichtig dosiert werden

Kalzium ist nicht nur essentiell für die Knochengesundheit, sondern reguliert auch den Blutdruck und die Blutgerinnung. Allerdings ist Kalzium ein gutes Beispiel dafür, dass mehr nicht immer besser ist. Nicht nur ein Kalziummangel ist ungesund, auch ein Zuviel davon kann gefährlich werden.

Ab Zufuhrmengen von über 1.500 Milligramm pro Tag kann Kalzium der Herzgesundheit schaden. Vorsicht ist also geboten, denn mit Nahrungsergänzungsmitteln lässt sich diese Überdosierung leicht erreichen. Die hochdosierte Einnahme von Kalzium und Vitamin D ohne nachgewiesenen Mangel kann zudem das Risiko für Schlaganfälle erhöhen.

Fischöl und Omega-3-Präparate bringen nichts

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „Schlank & herzgesund“ (FOODFORUM 4/2021).

Fisch- und Algenöl ist reich an den beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Beide Fettsäuren wirken entzündungshemmend und reduzieren oxidativen Stress, das heißt, sie fangen die schädlichen freien Radikale im Gewebe ab. Die heute verfügbaren Fischöl- und Omega-3-Präparate sind allerdings ohne Vorteil für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Deshalb hat die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) 2019 alle Zulassungen entsprechender Präparate widerrufen.

Neuere Studien wie die REDUCE-IT-Studie (2019) und die EVAPORATE-Studie (2020) zeigen allerdings, dass die chemisch veränderte Omega-3-Fettsäure Isocapent-Ethyl bei bestimmten Patienten das Herzinfarkt-Risiko senken kann.

Achtung: Das in diesen Studien verwendete Isocapent-Ethyl ist chemisch zwar mit den natürlichen Omega-3-Fettsäuren verwandt, aber eben nicht identisch! Mit den üblichen, frei verkäuflichen Fischölpräparaten lässt sich eine derartige Wirkung nicht erzielen.

Magnesium hat zweifelhafte Wirkung

Magnesium ist nicht nur an vielen Stoffwechselprozessen, sondern auch an der Blutdruckregulation beteiligt. Trotzdem ist der Nutzen einer Supplementation bei Bluthochdruck sehr zweifelhaft. Zwar ist ab Dosierungen von 380 Milligramm Magnesium pro Tag eine minimale Blutdrucksenkung möglich, allerdings nur dann, wenn man stark mit Magnesium unterversorgt ist. Höhere Magnesiumdosierungen können den Blutdruck zwar etwas stärker senken, führen aber als Nebenwirkung zu starken Durchfällen.

Kalium nur unter ärztlicher Kontrolle einnehmen

Auch Kalium ist an der normalen Blutdruckregulation beteiligt. Es kommt in sehr vielen Lebensmitteln vor, so dass eine Unterversorgung praktisch ausgeschlossen ist. Kalium-Supplemente sollten nur unter ärztliche Kontrolle eingenommen werden, da die Überdosierung zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen kann. Auf keinen Fall sollten wir Nahrungsergänzungsmittel mit Tagesdosen von über 500 Milligramm einnehmen.

Viele Studien zeigen, dass eine kaliumreiche Ernährung mit einem reduzierten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle verbunden ist. Da allerdings pflanzliche Lebensmittel die Hauptquellen für Kalium sind, wird diese Risikoreduktion vermutlich gar nicht durch Kalium allein verursacht, sondern ist die Folge einer insgesamt pflanzenbasierten, ballaststoffreichen Gesamternährung.

Phytosterole besser meiden

Phytosterole sind die pflanzlichen Verwandten unseres Cholesterins. Im Handel gibt es nicht nur mit Phytosterolen angereicherte Lebensmittel wie etwa Margarine, sondern auch Phytosterol-Supplemente. Tatsächlich senken Phytosterol-Dosierungen ab zwei Gramm pro Tag die Blutkonzentrationen des „schlechten“ LDL-Cholesterin.

Allerdings zeigte 2020 eine Studie der Universität Rejkjavik, dass Phytosterole bei Menschen mit bestimmten Genen die Gefäßverkalkung sogar beschleunigen (Hintergrundinfos dazu hier). Da die meisten von uns vermutlich nicht wissen, ob sie zufällig diese Gene mitbringen, sollten wir derartige Präparate sicherheitshalber nicht anwenden.

Probiotika nur im Tierversuch wirksam

Probiotika sind Lebensmittel mit lebenden Bakterienkulturen. Hierzu gehören neben Supplementen auch bestimmte Joghurt-Arten sowie Sauerkraut, Brottrunk oder Miso – sofern diese Lebensmittel nicht erhitzt und die Bakterien dadurch abgetötet werden. Einzelne Tierversuche liefern zwar Hinweise auf positive Effekte dieser Probiotika, im Menschen konnten diese Ergebnisse aber nicht bestätigt werden.

Resveratrol nur minimal blutdrucksenkend

Resveratrol ist ein sekundärer Pflanzenstoff und für die Farbgebung von Pflanzen verantwortlich. Er ist insbesondere in der Schale von frischen Weintrauben enthalten, vor allem roten, sowie in Rosinen und Rotwein. Aktuell gibt es sehr viele Untersuchungen zu möglichen gesundheitsförderlichen Wirkungen von Resveratrol. Ab Dosierungen von über 1 Gramm pro Tag kann Resveratrol in Nahrungsergänzungsmitteln den Blutdruck minimal senken (1–2 mmHg). Praktisch ist dieser Effekt aber nicht relevant.

Rotschimmelreis ist keine Alternative

Bei Rotschimmelreis (rot fermentierter Reis, red yeast rice) handelt es sich um üblichen weißen Reis, der gekocht und mit einem speziellen Schimmelpilz fermentiert wird. Dabei entsteht neben den charakteristischen roten Farbpigmenten auch das sogenannte Monakolin K. Diese Substanz hat in höheren Dosierungen tatsächlich eine cholesterinsenkende Wirkung. Das ist allerdings nicht überraschend, denn Monakolin K ist chemisch identisch mit dem synthetischen Cholsterinsenker Lovastatin.

Insofern ist Rotschimmelreis keine Alternative zu einer Statin-Therapie, sondern genau dasselbe (!). Wer erhöhte Cholesterinwerte hat, sollte trotzdem keine Rotschimmelreis-Präparate anwenden, da die Gehalte schwanken können und gefährliche Wechselwirkungen häufig übersehen werden.

Achtung! Nahrungsergänzungsmittel reichen zur Blutdrucksenkung oft nicht aus
Während die meisten Nahrungsergänzungsmittel zur Blutdrucksenkung unwirksam sind, haben einige von ihnen (in hohen Dosierungen) einen messbaren, wenn auch schwachen Effekt. Gegen ihre Einnahme spricht in aller Regel nichts. Gefährlich wird es allerdings, wenn suggeriert wird, durch die Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel könne man auf die blutdrucksenkenden Medikamente verzichten.

Hier kann es sehr schnell zur Untertherapie, also zu einer nicht ausreichenden Blutdrucksenkung kommen. Die Patienten merken zunächst nichts davon in ihrem Alltag und fühlen sich mit den Supplementen gut versorgt. Ob die Nahrungsergänzungsmittel allerdings nicht nur den Blutdruck senken, sondern genauso wie die Medikamente lebensgefährliche Spätfolgen verhindern können, ist nicht bekannt.


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