Phytosterole: Riskante Cholesterinsenker?

Erhöhte Cholesterinwerte betreffen immer mehr Menschen. Wer nicht gleich zu Medikamenten greifen möchte, findet in Phytosterol-angereicherten Lebensmitteln eine beliebte Alternative. Aktuelle Auswertungen zeigen aber, dass der individuelle Effekt der Phytosterole unterschiedlich ist und vom eigenen Genotyp abhängt. Von Janna Vahlhaus.

Einer der wesentlichen Risikofaktoren für verschiedene Herz-Kreislauf-Krankheiten ist die sogenannte Hypercholesterinämie, eine Erhöhung bestimmter Blutfettwerte. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem sog. non-HDL-Cholesterin und dem LDL-Cholesterin. Sehr viele methodisch hochwertige Studien und Metaanalysen zeigen, dass die Senkung eines erhöhten LDL-Spiegels das Sterberisiko deutlich reduzieren kann (Boren et al. 2020, Grundy 2016, Helgadottir 2016).

Zu den häufigsten Medikamenten, die zur Cholesterinsenkung eingesetzt werden, gehören die Statine (z. B. Simvastatin, Atorvastatin u.v.a.). Diese Arzneimittel können aber auch Nebenwirkungen haben: Beispielsweise verursachen Statine bei einigen Menschen Muskelbeschwerden oder erhöhen das Diabetes-Risiko (Florentin et al. 2008, Moosmann 2004). Deshalb wird besonders für Menschen mit nur leicht erhöhten Cholesterinwerten nach geeigneten Alternativen gesucht (Zhu 2017). Und hier kommen die pflanzlichen Phytosterole ins Spiel.

Phytosterole: pflanzliche Cholesterinsenkung

Bei den sogenannten Phytosterolen handelt es sich um eine Gruppe verschiedener Verbindungen, die natürlicherweise in der Zellmembran von Pflanzen vorkommen. Zu den bekanntesten Vertretern der Phytosterole gehören neben β-Sitosterin (= Sitosterol) auch Campesterin und Stigmasterin. Hauptquellen für Phytosterole in unserer Nahrung sind fettreiche pflanzliche Lebensmittel (Tab. 1).

In ihrer Struktur und Funktion ähneln diese pflanzlichen Phytosterole dem Cholesterin, das tierischen Lebensmitteln vorkommt. Deshalb konkurrieren die Phytosterole mit Cholesterin um die Aufnahme vom Darm ins Blut, was zu einer Hemmung der Cholesterinaufnahme führt (Mel’nikov 2004, Trautwein 2003). Allerdings ist dieser Effekt relativ schwach, denn die Cholesterin-Aufnahme mit der Nahrung macht nur 10 – 15 % des Gesamtcholesterins im Körper aus. Der Großteil von ca. 90 % wird im Körper selbst gebildet. Das ist auch der Grund, weshalb Statine so wirksam sind: Sie hemmen effektiv die körpereigene Cholesterinproduktion.

Phytosterol-reiche Lebensmittel

Die durchschnittliche Phytosterol-Zufuhr liegt bei einer normalen westlichen Ernährung zwischen 200 mg – 400 mg pro Tag (Ortega 2006); bei einer gemüsereichen mediterranen Ernährung bei ca. 500 mg. Für eine positive gesundheitliche Wirkung sind allerdings täglich mindestens 1,5 Gramm Phytosterole erforderlich. Diese Menge ist über natürliche Lebensmittel praktisch nicht zu erreichen – oder möchten Sie täglich 150 ml Weizenkeimöl trinken? Das ist auch der Grund, weshalb es mit Phytosterolen angereicherte Lebensmittel (z. B. Margarine) und hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel gibt (Malinowski 2010, Marangoni 2010, Schonfeld 2010).

Tabelle 1. Beispiele für den Gehalt an Phytosterolen in verschiedenen Lebensmitteln. Besonders reich an Phytosterolen sind Öle, Nüsse/Kerne und Getreide. Modifiziert nach Gupta et al. 2011.

In Studien an Menschen konnte die Einnahme von mindestens 1,5 Gramm Phytosterolen die Konzentration von Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin im Blut reduzieren – allerdings um maximal 10 % (Cheung et al. 2017, He et al. 2018). Erhöhte Triglyzeride oder das HDL-Cholesterin werden durch Phytosterole dagegen nicht beeinflusst.

Von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wurde ein Health Claim für Lebensmittel genehmigt, die mit Phytosterinen angereichert sind. Die Hersteller solcher Produkte dürfen daher legal auf die cholesterinsenkende Wirkung hinweisen. Auch in den europäischen Leitlinien zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen wird die Anwendung von Phytosterolen in Dosierungen von mindestens 2 Gramm pro Tag für bestimmte Patienten empfohlen (Mach et al. 2020).

Doch es gibt auch Schwachpunkte der Anwendung von Phytosterolen: Anders als bei den Statinen ist bislang nicht nachgewiesen, ob sie wirklich das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle senken können. Außerdem hemmen Phytosterole bei dauerhafter Anwendung nicht nur die Cholesterolaufnahme, sondern auch die Aufnahme von Carotinoide und fettlöslichen Vitaminen. Und es gibt ein drittes Problem: Die Rolle unserer Gene.

Die Bedeutung der Gene

Für die Aufnahme von Phytosterolen aus der Nahrung sind im Darm verschiedene Transportsysteme beteiligt. Gleichzeitig gibt es einen weiteren Transporter (namens ABCG5/8), der überschüssige Phytosterole aus dem Körper zurück in den Darm abgibt (Lammert 2005). Und genau hier liegt das Problem: Menschen, die aufgrund einer genetischen Veranlagung zu wenig von diesen Transportern haben, können ein Zuviel an Phytosterolen nicht ausreichend ausscheiden. Es kommt zur Anreicherung im Blut – und zur Atherosklerose.

Die Autoren einer aktuellen Studie haben untersucht, wie relevant dieser Effekt ist (Helgadottir et al. 2020). Ihre Datenbank-Analysen mit fast ca. 950.000 Patientenfällen aus Island, Dänemark und Großbritannien zeigen: Bestimmte genetische Varianten dieses Sterol-Transporters erhöhten nicht nur die Phytosterol-Konzentration im Blut, sondern damit auch das Risiko für eine koronare Herzkrankheit bis um 2-Fache.

Das heißt konkret: Wenn Sie (ohne es zu wissen) Träger solch einer Genvariante sind, und sich dennoch mit Phytosterol-angereicherten Lebensmitteln ernähren, könnte das Ihre Herzgesundheit nicht verbessern, sondern verschlechtern.

Fazit: Risiko ohne Genanalyse nicht abschätzbar

Die Rolle von Phytosterolen für das Herz-Kreislauf-System bleibt ein kontroverses Thema (Hansel 2014). Denn auf der einen Seite zeigen Phytosterole durch die Cholesterin-ähnliche Struktur vielversprechende Wirkung in der Senkung von Gesamt- und LDL-Cholesterin. Sie könnten damit (vor allem bei leichten Fettstoffwechselstörungen) eine verträglichere Behandlungsalternative zu den Statinen sein.

Auf der anderen Seite kann eine erhöhte Phytosterol-Zufuhr bei Menschen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung gesundheitlich eher abträglich sein. Außerdem beeinträchtigt die dauerhafte Einnahme von Phytosterol-Supplementen die Aufnahme fettlöslicher Vitamine. Wer also hoch dosierte Phytosterol-Supplemente einnimmt, ohne seinen spezifischen Genotyp zu kennen und seinen Vitamin-Status zu überprüfen, spielt eher russisches Roulette. Phytosterol-haltige natürliche Lebensmittel stellen aufgrund ihres relativ geringen Gehaltes dagegen kein Risiko dar.

Ein Kommentar

  1. Sie bringen ja interessante Themen, aber Ihre Belege für Statine sind ja reine Glaubensbekenntnisse wenn man darauf klickt. Da ist man ja schon weiter: HDL zu erhöhen statt LDL zu senken reicht völlig aus.

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