Weniger Krebstote durch Vitamin D?

Die Schlagzeilen klingen sensationell: 30.000 weniger Krebstote pro Jahr allein durch Vitamin D-Supplementierung – so die Pressemeldung des Deutschen Krebsforschungszentrums am 11.02.2021. Schaut man sich die Ergebnisse an, sind sie aus ernährungsmedizinischer Sicht allerdings viel weniger überraschend, als es auf den ersten Blick scheint.

Zunächst: Hierbei handelt es sich nicht um Ergebnisse einer klinischen Studie mit Vitamin D-Supplementen (wie man sie für eine valide Aussage bräuchte), sondern um gesundheitsökonomische Modellrechnungen. Berechnungsgrundlage ist die Hypothese, dass eine Vitamin D-Supplementation von 1.000 I.E pro Tag die Krebssterblichkeit um 13 % senken kann. Diese Zahl stammt aus der Metaanalyse von Keum et al. (2019). Der Knackpunkt ist aber die Unterscheidung zwischen Krebsinzidenz („Häufigkeit“) und Krebssterblichkeit: Während in der zugrunde gelegten Studie eine Vitamin-D-Supplementation nämlich die Krebssterblichkeit tatsächlich um 13 % senkte, war sie ohne Einfluss auf die Häufigkeit von Krebserkrankungen (RR = 0,98; 95%KI: 0,93-1,03, p = 0,42) (Keum et al. 2019).

Das heißt: Eine Vitamin-D-Supplementierung hat keinen Einfluss darauf, ob man an Krebs erkrankt oder nicht, doch bei bestehender Krebserkrankung können Vitamin-D-Supplemente die Sterblichkeit senken. Diese Unterscheidung ist essenziell, denn die meisten Leserinnen und Leser werden aufgrund der Zeitungsmeldungen vermuten, eine Vitamin-D-Supplementation schütze vor der Krebserkrankung an sich.

Kein Effekt auf die Krebshäufigkeit

Dieser unterschiedliche Effekt von Vitamin D auf Krebshäufigkeit und -sterblichkeit ist lange bekannt und schlägt sich in der ernährungsmedizinischen Praxis nieder. Nicht nur ältere epidemiologische Studien, sondern auch aktuelle Genom-basierte Studien haben gezeigt, dass es keinen (!) statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Vitamin D-Konzentration im Blut und dem individuellen Krebsrisiko gibt (Dimitrakopoulou et al. 2017). Eine unspezifische Einnahme von Vitamin D ist daher keine sinnvolle Strategie der Krebsprävention.

Anders sieht es bei Krebspatienten aus: Hier sinkt die krebsspezifische Sterblichkeit, wenn sie optimal mit Vitamin D versorgt sind – und das bedeutet in aller Regel eine Supplementierung. Gründe hierfür sind die bei sehr gutem Vitamin-D-Status bessere Verträglichkeit der onkologischen Therapie, weniger Wundheilungsstörungen, weniger Infekte, weniger Fatigue (Erschöpfungssyndrom) und möglicherweise sogar eine reduzierte Metastasierung. All dies wirkt sich natürlich günstig auf das Sterberisiko im Rahmen einer Krebserkrankung aus.

Vitamin D: Wichtig bei Krebspatienten, aber unwirksam zur Krebsprävention

Fazit: Eine Vitamin-D-Supplementation verhindert nicht die Krebsentstehung, verbessert aber oft erheblich die Prognose von Patienten mit bestehender Krebserkrankung. Die ernährungsmedizinische Empfehlung bzw. Praxis ist deshalb klar: Kein Vitamin D zur Krebsprävention, aber bei Krebspatienten auf jeden Fall den Status bestimmen und zur Erreichung des Zielkorridors von ca. 30-50 ng/ml ggf. supplementieren (was bei den meisten Patienten erforderlich ist).

Dabei wird allerdings auch deutlich, dass die aus der Modellrechnung abgeleitete Kosteneinsparung von 254 Millionen EUR pro Jahr ein statistisches Artefakt ist: Da die Vitamin-D-Supplementation die Krebshäufigkeit nicht senkt, sondern die Prognose von Krebspatienten verbessert, fallen deren Behandlungskosten ja trotzdem an – nur eben etwas später. Für den einzelnen Patienten ist das zwar ein entscheidender Punkt, in Bezug auf die realen Kosten im Gesundheitssystem macht das aber keinen Unterschied.

Dieser Beitrag erschien in veränderter Form erstmals am 25.02.2021 in der Deutschen Apotheker Zeitung.

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