Ernährungsstrategie der Bundesregierung: Gerecht, gesund und nachhaltig soll sie sein

Wie im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbart, soll bis Ende 2023 eine Ernährungsstrategie erarbeitet werden. Die Vorbereitungen dazu gehen Anfang des kommenden Jahres in die heiße Phase. Heute wurde das Eckpunktepapier „Weg zur Ernährungsstrategie der Bundesregierung“ vom Bundeskabinett beschlossen. Was steht drin? Von Martin Smollich.

Entwicklung der Ernährungsstrategie bis Ende 2023

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wurde vereinbart, dass bis Ende 2023 eine nationale Ernährungsstrategie entwickelt wird. Federführend dabei ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter Minister Cem Özdemir. Die Ernährungsstrategie soll nicht nur ernährungspolitische Ziele und Leitlinien vorgeben, sondern auch konkrete Maßnahmen beinhalten. Bestehende Strategien wie z. B. die Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung oder die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten sollen integriert und weiterentwickelt werden.

Am 21.12.2022 wurde das Eckpunktepapier zur Ernährungsstrategie vom Bundeskabinett beschlossen, um die Grundlage für die anschließende Ausgestaltung zu legen. Im Anschluss an die Kabinettsitzung erläuterte Cem Özdemir erstmals öffentlich, wie die Ernährungsstrategie konkret aussehen soll.

„Ich möchte dafür sorgen, dass es für alle Menschen in Deutschland möglich ist, sich gut und gesund zu ernähren – unabhängig von Einkommen, Bildung oder Herkunft.“

Bundesernährungsminister Cem Özdemir
Copyright: BMEL

Eckpunkte der Ernährungsstrategie

1. Gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährungsumgebung schaffen

Durch die Gestaltung „fairer Ernährungsumgebungen“ sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine gesunde, pflanzenbetonte und nachhaltige Ernährung im Alltag ermöglichen. Ziel ist die Schaffung fairer Gesundheitschancen. Der Gemeinschaftsverpflegung – also der Verpflegung in Kitas, Schulen, Mensen, Kantinen, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern – kommt hier eine Vorbildfunktion zu.

Dazu sollen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in der Gemeinschaftsverpflegung verbindlich und bis 2030 etabliert werden. Außerdem sollen der Anteil an ökologisch und regional bzw. saisonal-regional erzeugten Lebensmitteln in diesem Bereich erhöht und pflanzliche Alternativen gestärkt werden. Zur Förderung sollen ein Modellregionenwettbewerb und verschiedene Förderprojekte initiiert werden. Ernährungspolitisch besonders spannend: Bevor die Qualitätsstandards der DGE für die Gemeinschaftsverpflegung verbindlich werden, sollen sie (bis 2024) aktualisiert werden. Im Rahmen dieser Aktualisierung kommen vermutlich vor allem die bisherigen Zufuhrempfehlungen für Milch undMilchprodukte auf den Prüfstand. Außerdem wird die Berücksichtigung planetarer Grenzen (Stichwort Planetary Health Diet) absehbar größeres Gewicht erhalten.

Die Förderung gerechter und gesundheitsförderlicher Ernährungsumgebungen nimmt einen großen Stellenwert ein. Mit der Ernährungsstrategie soll ein System ineinandergreifender Maßnahmen erarbeitet werden, das eine gesunde Lebensmittelauswahl erleichtert. Dazu gehört z. B. die Regulation von Werbung, Preisgestaltung, Angebot und Verfügbarkeit. Insbesondere soll die an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung für ungesunde Lebensmittel reguliert werden.

Ein explizites Ziel der Ernährungsstrategie wird es sein, eine pflanzenbetonte Ernährung mit einem hohen Anteil an möglichst unverarbeitetem Gemüse und Obst sowie ballaststoffreichen Getreideprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen einfacher zugänglich zu machen. Der Konsum tierischer Lebensmittel soll auf ein „nachhaltiges und gesundheitsförderliches Maß“ reduziert werden. Mit welchen konkreten Schritten dieses Ziel erreicht werden soll, bleibt im Eckpunktepapier allerdings offen.

Ebenso betont werden der soziale Aspekt von gesunder Ernährung sowie die Bekämpfung der Ernährungsarmut in Deutschland. Als Maßnahmen nennt das Eckpapier (nicht weiter konkretisierte) „sozialpolitische Maßnahmen“ – neben der Verbesserung der Gemeinschaftsverpflegung in Schulen, wovon vor allem sozial benachteiligte Kinder profitieren.

Um für zukünftige ernährungspolitische Entscheidungen eine bessere Datengrundlage als bisher zu haben und die Maßnahmen der Ernährungsstrategie fortlaufend evaluieren zu können, soll ein „nationales Ernährungsmonitoring“ aufgebaut werden.

2. Ressourcen- und klimaschonende Ansätze fördern

Wie bereits vorab bekannt wurde, soll der ökologische Landbau in Deutschland bis 2030 auf 30 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausgedehnt werden. Gleichzeitig sollen „ökologische, regionale und resiliente Wertschöpfungsketten gestärkt“ werden.

Mit der Weiterentwicklung der bestehenden „Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ sollen die Lebensmittelabfälle bis 2030 in jedem Sektor der
Lebensmittelversorgungskette halbiert
werden.

3. Ernährungskompetenz: gesunde und nachhaltige Ernährungsmuster fördern

Adressaten der geplanten Maßnahmen zur Förderung einer gesundheitsförderlichen und nachhaltigen Ernährung sind vor allem Kinder und Jugendliche, Menschen mit Migrationshintergrund aus armutsgefährdeten Haushalten und ältere Menschen. Um zu entscheiden, welche Schritte hier sinnvoll sein können, soll zunächst eine solide Datengrundlage geschaffen werden.

Zur Förderung der Ernährungskompetenz von Verbraucherinnen und Verbrauchern sollen „evidenzbasierte lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen“ erarbeitet werden. Das ist ernährungswissenschaftlich sehr interessant, da bisherige Ernährungsempfehlungen auf Nährstoffe fokussiert sind (z. B. Vitaminzufuhr pro Tag) statt auf konkrete Lebensmittel. An dieser Stelle wird auch präzisiert, in welche Richtung die Überarbeitung der bisherigen DGE-Empfehlungen gehen wird: Bei den Ernährungsempfehlungen sollen „Umwelt- und Gesundheitsziele“ in Einklang gebracht werden, um eine gesunde Ernährung im Rahmen der planetaren Grenzen zu ermöglichen.

Im Bereich der Ernährungsbildung betont das Eckpunktepapier die Dringlichkeit zur Verankerung von Ernährungsthemen im Medizinstudium; gleichzeitig wird aber auch (zutreffend) angemerkt, dass die Zuständigkeit für eine Aktualisierung der Lehrpläne in die Zuständigkeit der Länder bzw. der Hochschulen fällt. Bisher enthält das Medizinstudium nämlich – kaum zu glauben, aber wahr! – keine (!) ernährungsmedizinischen Lehrveranstaltungen.

Einordnung: Auf die konkrete Umsetzung kommt es an!

Die Schaffung gesundheitsförderlicher und nachhaltiger Ernährungsumgebungen nimmt eine zentrale Position in der Ernährungsstrategie ein – zu Recht. Wissenschaftlich ist längst erwiesen, dass das Marketing und die Vertriebsstrukturen die Wahl von gesunden Lebensmitteln nicht erleichtern, sondern sogar erschweren. Nicht umsonst gehen die meisten Empfehlungen zur Adipositas-Prävention dahin, die Verantwortung nicht ausschließlich auf den Einzelnen abzuwälzen, sondern ein Umfeld zu gestalten, in dem es leicht ist, sich gesund zu ernähren (sog. Verhältnisprävention).

Von ungesunden Ernährungsumgebungen sind besonders Kinder und Jungendliche aus sozial benachteiligten Familien betroffen. Gesunde Ernährung ist in Deutschland deshalb noch immer eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass dieser Aspekt im Eckpunktepapier betont wird. Hier ist die Verbesserung der Qualität von Kita-, Schul- und Mensa-Essen ein enorm wichtiger Hebel, um Ernährungsarmut zu bekämpfen und die gesundheitliche Entwicklung von wenig privilegierten Kindern zu verbessern. Es ist ein Unding, dass es bisher in Deutschland keine verbindlichen Qualitätsstandards dafür gibt, was Kinder tagtäglich in der Schule als Essen vorgesetzt bekommen. Spannend wird allerdings, über welche Maßnahmen die DGE-Qualitätsstandards verpflichtend gemacht werden sollen.

Auch die Regulation des sog. „Kindermarketings“ für ungesunde Lebensmittel ist längst überfällig; dieser Schritt zum Schutz der Kinder ist nicht nur ernährungsmedizinisch sinnvoll, sondern im Rahmen von angemessener Ernährungsverantwortung auch ethisch dringend geboten.

Die Überarbeitung der DGE-Zufuhrempfehlung mit Berücksichtigung der ökologischen Aspekte läuft bereits – was gut und sinnvoll ist. Angesichts der Klimakrise wäre es fatal, Ernährungsempfehlungen weiter so zu formulieren, als wäre Deutschland eine Insel außerhalb der natürlichen, planetaren Grenzen. Die Vereinigung von gesundheitlichen und ökologischen Zielen bildet schon jetzt das Grundkonzept der sog. „Planetary Health Diet.“ Vergleicht man dieses Konzept mit den bisherigen DGE-Zufuhrempfehlungen, dürfte die Aktualisierung vor allem auf eine Reduktion tierischer Lebensmittel (Milch/Milchprodukte, Eier) hinauslaufen. Nebenbei: Die aktuelle Ernährungswirklichkeit in Deutschland steht in krassem Gegensatz sowohl zu den DGE-Empfehlungen als auch zur Planetary Health Diet.

Die Studienlage zeigt ebenfalls, dass es keinen Zielkonflikt zwischen gesunder und nachhaltiger Ernährung gibt: Lebensmittel, die gut für die individuelle Gesundheit sind, sind es gleichermaßen für die Umwelt – und umgekehrt genauso (Clark et al. 2019). Die Reduktion tierischer Lebensmittel ist da nur ein konsequenter Schritt, gesundheitlich wie ökologisch.

Es gibt keinen Zielkonflikt zwischen gesunder und nachhaltiger Ernährung. Eigene Darstellung.

Was aus ernährungsmedizinischer Sicht in dem Eckpunktepapier zur Ernährungsstrategie leider fehlt, ist das riesige Thema „Mangelernährung in Krankenhäusern“. Die Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern bewegt sich zwischen skandalös und dramatisch schlecht, und die gravierenden Missstände wurden von den Fachgesellschaften immer wieder in die Öffentlichkeit getragen – z. B. mit offenen Briefen, Medienberichten und Stellungnahmen. Vermutlich liegt ein Problem darin, dass die Mangelernährung im Krankenhaus sowohl in die Zuständigkeit des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) als auch in die des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) fällt.

Insgesamt gibt das Eckpunktepapier wichtige Leitplanken für die Ernährungsstrategie vor. Besonders begrüßenswert ist der Fokus auf gesunder Ernährung für Kinder und Jugendliche – durch verbindliche Qualitätsstandards bei Kita- und Schulessen und durch die Regulation (Beschränkung!) von Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel, Auch die Tatsache, dass das reale Problem der Ernährungsarmut in Deutschland erstmals zumindest benannt wird, ist ein wichtiger Fortschritt. Entscheidend wird allerdings sein, wieviel sich letztlich als konkrete Maßnahmen in der Ernährungsstrategie wiederfindet. Das werden wir spätestens in einem Jahr wissen.

Foto: © BMEL/Photothek

3 Kommentare

  1. Ich würde es sehr begrüßen wenn Schulessen generell kostenlos an Schüler*innen ausgegeben wird. Denn leider gibt es viele Familien, die selbst diesen 1€ Eigenanteil nicht leisten können weil sie entweder nicht mit ihrem Geld klar kommen, oder Suchtprobleme etc… Haben. Kostenloses und gesundes Kita-/ und Schulessen hilft Kindern und Jugendlichen aus präkären Lebenssituationen, eine gesunde Ernährung zu erhalten. Es werden soviele Steuermilionen verschwendet, ich finde, es wird Zeit, die Kinder und Jugendlichen endlich an die erste Stelle zu setzen. Sie haben immer bei allemzurück gesteckt. Das muss sich dringend ändern.

  2. Gesundes Essen an Schulen und Kitas sind eine gute und überfällige Idee. Viel besser wäre es, der Industrie strengere Vorschriften aufzuerlegen. Zuckerverbot in allen Speisen die für Kinder sind und generell kein Zucker in Lebensmittel, wo der nicht reingehört. Da bringt es auch nichts, Bio Datteln kaufen zu gehen wenn man sonst nicht gut isst.

  3. Da muss man für Mädels und Jungs schon mal getrennte Mahlzeiten anbieten. Schon die Muttermilch hat nach dem Geschlecht des Babys unterschiedliche Inhaltsstoffe.
    Für farbige Kinder wird man auch ein anderes Essen brauchen. Oder für asiatische Kinder!

    Dann muss man prüfen, ob bio wirklich gesünder ist. Die gesunden Pflanzen der Bio-Bauern sind wohl nur deshalb gesund, weil man natürliche Pestizide hoch züchtet. Und das völlig ungeprüft. Da lobe ich mir Monsanto, weil die ihre Sorten sorgfältiger prüfen als unsere Bio-Bauern. Wir haben seit Jahren immer mehr Bio-Landbau und trotzdem werden die Insekten weniger.

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