Resveratrol: Elixier für ein gesundes Leben?

Wer täglich ein Glas Rotwein trinkt, tut nicht nur seiner Seele Gutes, sondern beugt auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs vor. Womöglich ersetzt das abendliche Glas Rotwein sogar eine Stunde Training im Fitnessstudio. Beste Gesundheit durch Weingenuss – klingt verlockend, aber ist das möglich? Von Lea Tischner.

Rotwein – gesunder Genuss?

Egal ob Merlot oder Spätburgunder, trocken oder lieblich – Rotwein ist nicht nur in Frankreich sehr beliebt, sondern wird weltweit gern als Begleiter zur abendlichen Mahlzeit gereicht. In den vergangenen Jahren konnten sich Weinliebhaber immer wieder über positive Schlagzeilen freuen: „Rotwein ist gut für das Herz, fördert das Gedächtnis, schützt vor Krebs und wirkt verjüngend“. Bestimmt haben auch Sie schon von den scheinbar gesundheitsförderlichen Eigenschaften des allabendlichen Gläschens Rotwein gehört.

Tatsächlich vermuteten französische Epidemiologen bereits in den 1980er Jahren, dass der Verzehr von Wein positive Effekte auf die Gesundheit haben müsse. Sie beobachteten in der französischen Bevölkerung nämlich, dass dem ungesunden Lebensstil – schließlich beginnt doch jeder gute Abend mit einem wurst- und käsereichen Apéro und das erste Glas Wein wird noch während des Kochens verkostet – eine unerwartet geringe Rate tödlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegen stand. Doch wie passen der hohe Verzehr gesättigter Fettsäuren und der tägliche Alkoholkonsum mit einer geringeren Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen? 

Ein Erklärungsansatz für diese widersprüchliche Beobachtung basiert ausgerechnet auf dem hohen Weinkonsum: Vor allem der in Frankreich regelmäßig getrunkene Rotwein soll sich vorteilhaft auf die Herzgesundheit auswirken (Renaud & de Lorgeril 1992). Diese Gegensätzlichkeit etablierte sich bald unter der Bezeichnung „Französisches Paradox“, dessen Existenz unter Epidemiologen und Ernährungswissenschaflern jedoch höchst umstritten ist. Legt man bei der Erfassung von Herzerkrankungen als Todesursache nämlich international gültige Maßstäbe an, bestätigt sich auf für Frankreich das bekannte Muster: Ein erhöhter Konsum von gesättigten Fettsäuren (aus tierischen Lebensmitteln) erhöht das Risiko für Herzerkrankungen.

Zugegeben: An dem Gedanken, seiner Gesundheit allein durch den Genuss von Wein etwas Gutes zu tun, findet sich zweifelsfrei schneller Gefallen als an ausgedehnten Sporteinheiten, die nachgewiesenermaßen die Herzgesundheit verbessern. Warum aber soll ausrechnet Wein eine gesundheitliche Schutzfunktion haben? Sind Bier, Longdrinks und Co. dann nicht potenziell auch gesundheitsförderlich?  

Resveratrol: ein sekundärer Pflanzenstoff 

Hinter der Spekulation, dass Wein im Gegensatz zu anderen alkoholischen Getränken gesundheitlich sogar vorteilhaft sei, steckt eine in Weintrauben enthaltene Substanz namens Resveratrol. Dieser sekundäre Pflanzenstoff wird von zahlreichen Pflanzen zum Schutz vor eindringenden Mikroorganismen wie Pilzen, Viren oder Bakterien gebildet. Die Pflanzen reichern das Resveratrol vor allem in ihren Früchten, etwa in Weintrauben, Äpfeln, Beeren und Erdnüssen an, über die es auch in den Wein gelangt.

Laut statistischen Angaben werden in Deutschland pro Kopf jährlich etwa 20 Liter Wein getrunken. Bei dieser Menge wäre es doch umso erfreulicher, wenn neben der guten Laune auch die Gesundheit durch den abendlichen Weingenuss erhalten bliebe. Und tatsächlich: es gibt einige Gründe für diese Annahme.

Im Jahr 2012 sorgten Forschungsergebnisse der kardiovaskulären Forschungsgruppe an der University of Alberter, Kanada, für Aufsehen. Jason Dyck und sein Forschungsteam entdeckten, dass die Supplementierung von Resveratrol die körperliche Leistung messbar verbessern kann. Dabei waren die positiven Effekte des Resveratrols auf die Funktion von Herz- und Skelettmuskulatur sogar mit dem gesundheitlichen Nutzen eines Ausdauertrainings vergleichbar (Dolinsky et al. 2012).

Heißt das nun: Pillen schlucken, anstatt im Fitnessstudio zu schwitzen? In dieser und weiteren Studien ist immer wieder die Rede von Resveratrol als „exercise mimetic“, zu Deutsch also „Trainings-Mimetikum“. Damit soll ausgedrückt werden, dass Resveratrol ein Sporttraining „nachahmen“ kann.

Solche Betitelungen wecken jedoch übereilig zu große Hoffnungen: Gezeigt wurden diese Effekte nämlich nicht etwa am Menschen, sondern ausschließlich in Tierstudien, etwa an Ratten. Klinische Studien, die diese Ergebnisse auch für den menschlichen Organismus bestätigen, fehlen bislang. 

Einsatz als Trainingsbooster? 

Dyck und sein Forschungsteam zeigten außerdem, dass die Kombination von Ausdauertraining und Resveratrol gegenüber dem bloßen Training ohne Supplementierung mit signifikant positiven Effekten auf die Ausdauerleistung der Ratten einherging. Ratten, denen man zusätzlich zum Training Resveratrol fütterte, konnten länger und weiter laufen als jene Ratten, die keine Supplementierung erhielten. Bei identischer Trainingsintesität zeigten die Ratten der Resveratrol-Gruppe außerdem eine Steigerung ihrer Muskelkraft. 

Auf Stoffwechselebene könnten vor allem zwei Mechanismen diese Beobachtungen erklären: Einerseits die gesteigerte Bildung von Mitochondrien, den „Kraftwerken der Zelle“, andererseits der verstärkte Abbau von Fettsäuren für die Energiegewinnung. Die Ergebnisse aus Kanada sind nur eines von vielen Beispielen für das potenzielle Wirkungsspektrum von Resveratrol und die zu Grunde liegenden Mechanismen. 

Diverse Studien weisen darauf hin, dass Resveratrol zahlreiche Stoffwechselwege auf unterschiedlichste Weise beeinflussen kann. Neben den bereits erwähnten Wirkungen auf die Herzgesundheit (u.a. Einfluss auf das Auftreten von Bluthochdruck und Herzinfarkten) wird auch ein positiver Einfluss auf die Funktion der Bauchspeicheldrüse sowie den Zuckerstoffwechsel diskutiert. Sollten sich diese Annahmen in klinischen Studien bewahrheiten, könnte sich Resveratrol potenziell zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 („Zivilisationsdiabetes“) eignen. 

Gesundheitliches Multitalent? 

Weitere interessante Ansätze zeigen, dass Resveratrol die Linse des Auges, die äußere Hornhautschicht und die Sehsinneszellen in der Netzhaut schützen könnte (Ishikawa et al. 2015). Andere Studien wiederum weisen auf einen therapeutischen Nutzen von Resveratrol bei einer Fettleber hin, und selbst vor neuronalen Schäden soll die pflanzliche Substanz schützen. So soll Resveratrol die Gehirnleistung und das Gedächtnis verbessern und das Lernvermögen steigern können (Faghihzadeh et al. 2014Ge et al. 2015

Hinzu kommen Studien, die eine positive Wirkung des sekundären Pflanzenstoffes auf die Lungenfunktion und auf bestehendes Asthma zeigen (Xuan et al. 2014). Diesen breit gefächerten Ergebnissen zu Folge scheint es fast als wäre Resveratrol ein Allheilmittel.

Doch damit nicht genug: Möglicherweise mischt sich Reveratrol auch in die Regulation des Tumorwachstums ein, indem es entartete Zellen vermehrt in den Zelltod leitet. Dadurch könnte das Wachstum und womöglich auch die Verbreitung von Tumorzellen eingeschränkt werden (Carter et al. 2014).

Ganz so einfach ist es nicht

Doch ganz so einfach ist das leider nicht. Auch wenn Resveratrol vielfach als wahre Gesundheitsbombe beworben wird, sind diese Versprechen mit höchster Vorsicht zu genießen. Die derzeitigen Ergebnisse basieren vorwiegend auf in vitro Studien, die also lediglich „im Reagenzglas“, nicht aber in vivo, also im lebenden Organismus durchgeführt wurden. Zudem zeigen viele Studien oft widersprüchliche Ergebnisse; gesicherte Rückschlüsse wären daher kaum zuverlässiger als ein Münzwurf. 

Dennoch existieren einige Studien, die zum Beispiel an Mäusen durchgeführt wurden. Ernüchternd wurde jedoch festgestellt, dass das mit der Nahrung verabreichte Resveratrol größtenteils in der Leber abgebaut wird, bevor es in den Blutkreislauf gelangt (Sergides et al.). Man spricht auch von einer geringen Bioverfügbarkeit. Im Klartext: Schlucken Sie ein Resveratrol-Präparat, scheiden Sie die Substanz und ihre Abbauprodukte fast vollständig aus, bevor jegliche Wirkung entfaltet werden könnte. 

Klinische Studien? Fehlanzeige! 

Klinische Studien zur Wirkung des Resveratrols im menschlichen Körper liegen kaum vor oder sind aufgrund ihrer kleinen Probandengruppe nicht aussagekräftig. Zwar zeigten beispielsweise Chow et al. im Jahr 2014, dass die tägliche Aufnahme von 1 Gramm Resveratrol das Brustkrebs-Risiko senken könnte, die Interventionsgruppe umfasste allerdings lediglich 34 Probandinnen. Derzeit laufende klinische Studien haben meist sogar noch geringere Probandenzahlen. Allgemeingültige Rückschlüsse sind deshalb kaum möglich. Zudem sind die Krankheitsstadien der Patienten häufig nur bedingt vergleichbar.

Die Frage der Dosierung

Wer das vielfach angepriesene Wundermittel Resveratrol in Pillenform ausprobieren möchte, stößt bei den entsprechenden Herstellern häufig auf die Empfehlung, täglich 1 Gramm Resveratrol einzunehmen. Fragt man sich, wie viel Wein getrunken oder Obst und Gemüse gegessen werden müsste, um genau diese Menge Resveratrol aufzunehmen, wird man staunen: 

Der angebliche Tagesbedarf von 1 Gramm Resveratrol erfordert den Konsum von 505 Litern (!) Rotwein am Tag. Alternativ können 795 Kilogramm rote Weintrauben oder 2.500 Kilogramm Äpfel verzehrt werden. Auch 52,6 Kilogramm Tomaten würden diese Menge decken. Es wird also sehr schnell klar: Selbst bei Kombination aller Produkte ist es absolut unmöglich die beworbene Menge an Resveratrol über natürliche Lebensmittel oder Wein aufzunehmen.


Aus: Wieskirchen & Weiskirchen, Advances in Nutrition, 2016, 4: 706-718

Abb. 1. Mengen verschiedener Lebensmittel, die zur Aufnahme von 1 Gramm Resveratrol verzehrt werden müssen

Hinzu kommen teils starke Schwankungen des Resveratrol-Gehalts in den Lebensmitteln, die unter anderem mit verschiedenen, natürlich auftretenden Formen des sekundären Pflanzenstoffs zusammenhängen. Nach aktuellem Wissensstand sind durch den täglichen Genuss von einem Glas Rotwein, das etwa 1,9 mg Resveratrol enthält, keinerlei positiven Effekte auf die Gesundheit zu erwarten – zumindest wären diese nicht auf das im Wein enthaltene Resveratrol zurückzuführen. Auch die Behauptung, das (nicht vorhandene) „Französische Paradox“ erkäre sich durch den hohen Weinkonsum in Frankreich, ist damit hinfällig (Weiskirchen & Weiskirchen 2016).

Viel kritischer zu betrachten ist jedoch die besagte, täglich empfohlene Dosis von 1 Gramm Resveratrol. Diese Dosis wurde nämlich nicht etwa in umfangreichen Studien am Menschen ermittelt, sondern lediglich im Rahmen von Tierexperimenten aus Schätzungen abgeleitet. 

Ab welcher Dosis nachweislich eine Wirkung eintritt, wird in den verschiedenen Studien zudem äußert uneinheitlich beantwortet. Beispielsweise zeigte die Aufnahme von 10 mg als auch von 5 Gramm Resveratrol in einigen Fällen vergleichbare Effekte. Dies macht deutlich, dass auf Basis der aktuellen Studienlage die Empfehlung, täglich 1 Gramm Resveratrol zu supplementieren keineswegs plausibel oder gar gesichert ist (Weiskirchen & Weiskirchen 2016). 

FazitTeures Supplement mit unklaren Effekten

Die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) stuft die Supplementierung von bis zu 150 mg Resveratrol pro Tag zwar als unbedenklich ein, stellt aber gleichzeitig den Nutzen des Supplements in Frage. Wer sich durch die Einnahme besonders hoher Dosen Resveratrol verspricht, umfangreiche Fitness Einheiten zu umgehen, hat ab einer Dosis von 1 Gramm Resveratrol pro Tag eher mit Durchfällen und Verdauungsproblemen statt mit einer besseren Herzgesundheit zu rechnen.

Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und viel körperlicher Aktivität liefert nach wie vor die beste Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies kann kein Supplement und schon gar kein täglicher Alkoholkonsum ersetzen. 


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