Kokosöl könnte Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen

Kokosöl wird oft als besonders gesundes Speiseöl angesehen, das vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen soll. Andererseits besteht Kokosöl hauptsächlich aus gesättigten Fettsäuren – und die sind aus kardiologischer Perspektive eher ungünstig. Wie passt das zusammen? Eine aktuelle Metaanalyse hat die Effekte von Kokosöl untersucht. Von Tessa Müller.

Gesättigte Fettsäuren sind nicht automatisch „ungesund“

Gesättigte Fettsäuren kommen vor allem in tierischen Lebensmitteln vor und haben ernährungsmedizinisch einen schlechten Ruf, weil sie die Konzentration von LDL-Cholesterin im Blut und damit das kardiovaskuläre Risiko erhöhen können (Jakobsen et al., 2009).

Andererseits zeigt die aktuelle Datenlage, dass gesättigte Fettsäuren nicht automatisch „ungesund“ sind (Wu et al. 2019). Hierzu wurde aktuell ein sehr guter Debattenbeitrag im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlicht, der den Stand des Wissens zusammenfasst und die offenen Fragen klar benennt (Krauss & Kris-Etherton 2020).

So umfasst die Gruppe der gesättigten Fettsäuren unterschiedliche Einzelsubstanzen, die sich auch in ihrer Wirkung auf den Stoffwechsel unterscheiden. Daneben spielen sog. Matrix-Effekte eine Rolle. Das heißt: Dieselbe Fettsäure hat unterschiedliche Effekte, je nach dem, in welchem Lebensmittel („Matrix“) sie vorkommt. Günstig auf das Schlaganfall-Risiko wirken sich beispielsweise Ballaststoffe aus. Bei Rheuma-Patienten hat auch Folsäure eine wichtige Rolle für den Herzschutz. Und besonders gut untersucht ist der Einfluss der mediterranen und der vegetarischen Ernährung auf das Herz-Kreislauf-Risiko.

Ernährungsmedizinisch ist außerdem entscheidend, wodurch gesättigte Fettsäuren im Rahmen einer Ernährungsumstellung ersetzt werden: Ein Gesundheitsvorteil ergibt sich nur dann, wenn gesättigte Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Omega-3, Omega-6) oder komplexe Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischem Index ersetzt werden (z. B. Vollkorn-Lebensmittel). Der Austausch gesättigter Fettsäuren durch einfache Kohlenhydrate (z. B. Weißmehlprodukte) bringt jedoch keinen Gesundheitsvorteil (Li et al. 2015).

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und andere internationale Fachgesellschaften empfehlen, den Anteil der gesättigten Fettsäuren auf maximal 10 % der Gesamtenergiezufuhr zu begrenzen (Piepoli et al. 2016). Diese Empfehlung ist aktuell wissenschaftlicher Konsens (Krauss & Kris-Etherton 2020). In der Praxis kann diese Begrenzung gesättigter Fettsäuren am einfachsten erreicht werden, indem man tierische durch pflanzliche Lebensmittel ersetzt. Denn: Vor allem Fleisch, Wurstwaren und Butter enthalten viele gesättigte Fettsäuren. Es gibt nur zwei große Ausnahmen: Kakaobutter und Kokosöl.

Kokosöl ist anders

Obwohl Kokosöl pflanzlichen Ursprungs ist, enthält es bis zu 90 % gesättigte Fettsäuren (Eyres et al., 2016). Glaubt man den unzähligen Werbeversprechen, soll Kokosöl trotzdem cholesterinsenkend und entzündungshemmend wirken. Außerdem soll es sogar beim Abnehmen helfen. Begründet werden diese erstaunlichen Effekte meist damit, dass der überwiegende Anteil der gesättigten Fettsäuren im Kokosöl aus mittelkettigen Fettsäuren („MCT-Fette“) besteht.

Das stimmt zwar. Doch bislang gibt es keinen klinischen Beweis dafür, dass sich eine erhöhte Zufuhr von MCT-Fetten günstig auf das Herz-Kreislauf-Risiko auswirken würde (Eyres et al. 2016; Sankararaman & Sferra 2018).

Fettsäuremuster verschiedener Speiseöle und -fette. Kokosfett/Kokosöl (ganz unten) hat den höchsten Anteil an gesättigten Fettsäuren. Deutsche Apotheker Zeitung, Nr. 25, 18.06.2020, Seite 57. © DAZ/Hammelehle

Woher kommt der Hype?

Während 72 % der Allgemeinbevölkerung glauben, Kokosöl sei „besonders gesund“, sagen dies nur 37 % der Ernährungswissenschaftler (Quealy & Sanger-Katz 2016). Grund dieser Diskrepanz ist entsprechendes Marketing, das Kokosöl als außergewöhnlich „gesundes“ Lebensmittel anpreist (Sacks 2020). Fakt ist jedoch: Die Behauptungen, Kokosöl würde den Appetit reduzieren, das Sättigungsgefühl steigern oder zu einem erhöhten Kalorienverbrauch führen, sind durch klinische Studien längst widerlegt worden (Sankararaman & Sferra 2018).

Ein Hauptargument des Kokosöl-Marketings ist die vergleichsweise geringe Verbreitung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei indigenen Völker, die einen hohen Kokosnuss-Konsum pflegen. Diese Beobachtung ist aber sicher nicht allein auf Kokosöl-haltige Lebensmittel zurückführen. Viel eher spielt hier eine Gesamternährung mit hohem Gemüse- und Fischanteil die entscheidende Rolle (DiBello et al. 2009). Darüber hinaus wird in den entsprechenden Gesellschaften bevorzugt Kokosnuss-Mehl oder -Fleisch verzehrt, was eine viel geringere Zufuhr gesättigter Fettsäuren bedeutet als bei der isolierten Zufuhr von Kokosöl (Eyres et al. 2016).

Betrachtet man den Effekt von Kokosöl auf die Blutfettwerte, liefern frühere Studien widersprüchliche Ergebnisse. Während einige Studien eine Senkung der Blutspiegel von LDL- und Gesamt-Cholesterin durch Kokosöl (im Vergleich mit anderen pflanzlichen Ölen) zeigen (Assunção et al. 2009; Korrapati et al. 2019; Vijayakumar et al., 2016), finden andere Studien das Gegenteil (Voon et al. 2011; Harris et al. 2017; Khaw et al. 2018; Oliveira-de-Lira et al. 2018; Maki et al. 2018). Aufgrund dieser Datenlage fallen auch ältere Metaanalysen widersprüchlich aus (Schwingshackl et al. 2018; Eyres et al. 2016).

Einfluss von Kokosöl auf Herz-Kreislauf-Risikofaktoren

Hier bringt die in der Fachzeitschrift Circulation publizierte Metaanalyse endlich Klarheit (Neelakantan et al. 2020). Anders als in früheren Untersuchungen konzentrierten sich die Autoren ausschließlich auf Studien, die den Effekt von Kokosöl auf die Blutfettwerte und Herz-Kreislauf-Risikofaktoren im direkten Vergleich mit anderen Speiseölen bzw. -fetten analysierten. Dazu konnten insgesamt 16 randomisiert-kontrollierte Studien eingeschlossen werden. Verglichen wurde Kokosöl mit nicht-tropischen Ölen (Sojaöl, Rapsöl, Sonnenblumenöl, Distelöl, Olivenöl), Palmöl und Butter.

Insgesamt wurden die Datensätze von 730 Teilnehmern mit überwiegend normalen Cholesterinwerten analysiert. Alle Teilnehmer konsumierten die entsprechenden Öle bzw. Fette für mindestens zwei Wochen. Im Anschluss wurden die Effekte auf folgende Parameter gemessen:

Ergebnisse belegen ungünstige Effekte von Kokosöl

Verglichen mit nicht-tropischen Ölen bewirkte Kokosöl eine signifikante Erhöhung der LDL-Konzentration um durchschnittlich 10 mg/dL (95% CI, 3,01–17,94) und der HDL-Konzentration um 4 mg/dL (95% CI, 2,3– 5,7). Im Vergleich mit Palmöl erhöhte Kokosöl die LDL-Konzentration sogar um 20 mg/dL (95% CI, 6–35) und die HDL-Konzentration um 3 mg/dL (95% CI, 0,2–5,4).

Verglichen mit Butter führte Kokosöl zu einer signifikanten Verringerung der LDL-Konzentration, während die HDL-Konzentration im Serum anstieg; dieses Teilergebnis beruht jedoch auf einer einzelnen Studie (Khaw et al. 2018).

Abgesehen von diesen Cholesterin-Effekten hatte Kokosöl keinen Einfluss auf andere Herz-Kreislauf-Risikofaktoren (Triglyzeride, Blutzuckerwerte, Entzündungswerte, Körpergewicht).

Was bedeutet das für die Herz-Gesundheit?

Im Rahmen dieser Meta-Analyse wurde der Einfluss von Kokosöl auf Laborparameter, nicht jedoch auf klinische Effekte untersucht. Aus früheren Untersuchungen weiß man aber, dass ein Anstieg der LDL-Konzentrationen (wie er von Kokosöl verursacht wird) das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht (Silverman et al. 2016; CTT Collaboration 2010).

Auch die von Kokosöl verursachte Erhöhung der HDL-Konzentration sollte man nicht einfach positiv werten (Stichwort „gutes Cholesterin“): Zwar zeigen epidemiologische Studien eindeutig einen inversen Zusammenhang von HDL-Serumkonzentration und Herz-Kreislauf-Risiko (ERFC 2012; PSC 2007). Das heißt: Ein hoher HDL-Wert ist mit einem niedrigen Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. Allerdings konnten methodisch sehr hochwertige Studien inzwischen nachweisen, dass es sich hierbei um keinen kausalen Zusammenhang handelt (Frikke-Schmidt et al. 2008). Ein hoher HDL-Wert ist also nicht die Ursache für ein geringeres Herz-Kreislauf-Risiko.

Vielmehr spielt die Funktion von HDL im Zusammenhang mit dem Gefäßschutz eine viel wichtigere Rolle als die HDL-Konzentration (Kosmas et al. 2018). Dies erklärt übrigens auch, weshalb Menschen mit genetisch bedingt erhöhten HDL-Konzentrationen kein geringeres Risiko für Herzinfarkte haben als die Durchschnittsbevölkerung (Voight et al. 2012). Klinische Studien liefern außerdem keinen Beleg für die Hypothese, eine gezielte Erhöhung der HDL-Serumkonzentrationen könne das Herz-Kreislauf-Risiko senken (Lincoff et al. 2017; Group HTC 2014; Andrews et al. 2017).

Vor diesem Hintergrund stellt auch die tatsächlich vorhandene, HDL-erhöhende Wirkung von Kokosöl in der Realität keinen Gesundheitsvorteil dar.

Schwachpunkte der Studie

Obwohl die Studie sehr gut gemacht ist, weist sie einige Schwachpunkte auf, die man berücksichtigen muss. Einige in der Meta-Analyse berücksichtigte Studien hatten nur mäßige methodische Qualität. Ein Ausschluss dieser Studien veränderte das Gesamtergebnis jedoch nicht. Zudem können aufgrund der vorliegenden Daten keine Dosis-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet werden. Da es sich bei den erfassten Effekten um indirekte Risikofaktoren handelte und nicht um klinische Ereignisse (wie z. B. Herzinfarkt-Häufigkeit), müssten die Ergebnisse in zukünftigen klinischen Studien noch bestätigt werden.

Fazit: Nicht aus Gesundheitsgründen auf Kokosöl umsteigen!

Der Austausch von nicht-tropischen Ölen oder Palmöl gegen Kokosöl führt innerhalb kurzer Zeit zu einer signifikanten Erhöhung der LDL- und HDL-Blutkonzentrationen. Entzündungshemmende oder andere herzschützende Effekte sind nicht vorhanden. Die Autoren der Meta-Analyse sehen die gezielte Vermarktung von Kokosöl als vermeintlich gesundheitsförderliches Speiseöl zu Recht mit Sorge.

Sicherlich spricht nichts gegen die gelegentliche Verwendung von Kokosöl aus geschmacklichen Gründen. Von einem systematischen Austausch anderer Speiseöle zugunsten von Kokosöl sollte man aus gesundheitlichen Gründen aber absehen.

Dieser Beitrag erschien in veränderter Form erstmals am 18.06.2020 in der Deutschen Apotheker Zeitung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.