Wochenende gerettet: Gesunder Alkohol dank Purple Tea!

Wenn das keine praxisrelevante Forschung ist: Statt immer auf den Gesundheitsgefahren von Alkohol herumzureiten, gibt es auch innovative Ansätze: Der Zusatz von Purple Tea und Lakritz soll das toxische Potenzial von Alkohol reduzieren. Wodka und Whiskey – bald ohne Reue?

Alkohol endlich unbeschwert konsumieren – mit Purple Tea?

Die in grünem Tee enthaltenen Polyphenole sind bekannt für ihre antioxidativen Wirkungen, die sich in präklinischen Modellen als entzündungshemmende und zellprotektive Effekte zeigen. Vor diesem Hintergrund kamen schon vor einiger Zeit Forscher auf die Idee, durch grünen Tee die alkoholbedingten Leberschäden zu reduzieren – denn ein Mechanismus der Alkoholtoxizität beruht auf der Umwandlung zu Acetaldehyd und der Bildung von freien Radikalen, die dann die Leberzellen schädigen. Daraus wurde die Hypothese abgeleitet, dass der Zusatz von grünem Tee zu alkoholischen Getränken die toxischen Wirkungen reduzieren könnte.

Um diese Hypothese zu überprüfen, versetzten die Wissenschaftler der Universität Nairobi (Kenia) alkolische Getränke mit verschiedenen Tees und verglichen die lebertoxischen Wirkungen mit dem jeweiligen alkoholischen Getränk ohne Tee-Zusatz (Ochanda et al. 2016). Verwendet wurden grüner Tee, schwarzer Tee sowie eine ganz besondere, kenianische Tee-Varietät, der sog. „lila Tee“ (Purple Tea). Letzter stammt ebenfalls aus der Teepflanze Camellia sinensis, doch zuchtbedingt enthalten seine Blätter einen besonders hohen Anthocyan-Gehalt, wodurch der Tee eine leuchtende, lila-purpurne Färbung zeigt. Bei den Anthocyanen handelt es sich um die gleichen Antioxidanzien, wie sie auch aus Blaubeeren, Cranberries, Trauben oder Rotkohl bekannt sind. Wissenschaftlich firmiert diese ausschließlich in Kenia angebaute Tee-Varietät unter dem Namen „TRFK 306“. Der Geschmack erinnert an reife Pflaumen, und wenig überraschend wurden den Purple Tea in der Vergangenheit auch schon gewichtsreduzierende Wirkungen (Shimoda et al. 2015) sowie immunmodulatorische und antikanzerogene Effekte (Joshi et al. 2017) zugeschrieben.

In den Studienergbnissen zeigten sich Hinweise darauf, dass die Tee-Zusätze die alkoholbedingte Lebertoxizität zumindest reduzieren könnten. Einziger „kleiner“ Nachteil dieser Studie: Wie der ein oder andere schon vermutet haben wird, wurde sie nicht an Menschen, sondern an 55 Mäusen durchgeführt. Zwischen den verschiedenen Tee-Sorten zeigten sich keine Unterschiede.

Dennoch leiten die Autoren dieser Studie bemerkenswerte Schlussfolgerungen ab: So sei die Fortifikation (Anreicherung) alkoholischer Getränke mit Tee(extrakten) eine gute Möglichkeit, um den Alkoholkonsum für Menschen mit Magenerkrankungen sicherer zu gestalten, und auch ganz allgemein könne dieses Verfahren dazu dienen, alkoholische Getränke „sicherer“ zu machen. Solch weitreichende Schlussfolgerungen sind natürlich gewagt – und die Übertragbarkeit auf den Menschen ist ohnehin sehr fraglich. Gänzlich unplausibel wäre ein entsprechender Effekt aber nicht.

Oder doch lieber Lakritz?

Tee im Wodka ist natürlich ohnehin nicht jedermanns Sache. Wie gut, dass es da auch alternative Ansätze gibt, wie man sich zukünftig ganz gesund betrinken kann. Zum Beispiel: eine Wodka-Rezeptur mit den Inhaltsstoffen der Süßholzwurzel (Lakritz). Die Geschichte dazu hört sich zwar eher an wie eine Räuberpistole, erlebt durch aktuelle Berichte in deutschen Medien aber eine Renaissance: Der Inder Harsha Chigurupati aus der Familie des großen indischen Generika-Herstellers Granules India hat nach eigenen Angaben eine Wodka-Rezeptur entwickelt, die u. a. den Süßholzwurzel-Inhaltsstoff Glycyrrhizin – bekannt aus der Verwendung in Lakritz – enthält. Dieser Wodka mit dem Namen „NTX“ (für „no-tox“) wird aktuell in den USA produziert und in mehreren US-Bundesstaaten vertrieben. Die bei der zuständigen Behörde, dem Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau (TTB), beantragten Health Claims sprechen für sich, z. B. „Reduziert das Risiko von Alkohol-induzierten Lebererkrankungen“. Die amerikanische Behörde hat die Verwendung dieser Health Claims bisher untersagt – vor allem aber deswegen, weil die Produktbezeichnung „NTX“ eine Ähnlichkeit mit dem im Alkoholentzug eingesetzten Naltrexon suggeriert. Die einzige, pseudowissenschaftliche Studie, mit der die „Leberfreundlichkeit“ dieser Wodka-Rezeptur begründet wird, wurde 2016 online publiziert und hatte sage und schreibe 12 Probanden (Kaplan 2016).

Unbequeme Wahrheiten: Statement der American Society of Clinical Oncology (ASCO)

All das ist natürlich ein ziemlicher Quatsch. Bis tatsächlich ein Schleichweg zum leberverträglichen Besäufnis gefunden ist, bleibt also auch für die Ernährungsmedizin noch viel zu tun – Purple Tea und Lakritz-Extrakt hin oder her. Bis dahin müssen wir uns also an die eher unbequemen Wahrheiten halten, die aber umso besser belegt sind. Erst vor wenigen Wochen ist der erste „Alkoholatlas Deutschland“ des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) erschienen. Jetzt liefert auch die Amerikanische Gesellschaft für Klinischen Onkologie (ASCO) ein wichtiges Statement, das nicht nur auf die unterschätzen Gefahren hinweist, sondern auch den gesundheitspolitischen Handlungsbedarf deutlich macht.

In einem Beitrag zum „Alkoholatlas Deutschland“ wurde deutlich, dass die gesundheitlichen Risiken des Alkoholkonsums bei uns in Deutschland massiv unterschätzt werden; Alkohol ist kein „Unterschichtenproblem“ (das Gegenteil ist wahr), schützt nicht vor Demenz (das Gegenteil ist wahr), die ominösen „kardioprotektiven Effekte“ (gibt es nicht) sind anerkannte Ausrede für das allabendliche Glas („Gläschen“) Wein, und die bisherigen Public Health-Maßnahmen in diesem Bereich sind alles andere als ausreichend. Gemeinsam mit dem „Alkoholatlas Deutschland“ liefert nun die Stellungnahme der ASCO die wissenschaftliche Grundlage für etwas, das man getrost als „unbequeme Wahrheit“ bezeichnen muss. Unter dem soziokulturellen Deckmantel von „Feierabendbierchen“, „Sektempfang“ oder „Gläschen Wein für’s Herz“ ist keine andere gesundheitsschädliche Droge bei uns so etabliert – und kein anderes Lebensmittel Ursache so vieler Todesfälle – wie Alkohol.

Aktuelle Stellungnahme der American Society of Clinical Oncology (ASCO).

Diese bekannte Datenlage wird nun durch ein sehr lesenswertes, komprimiertes Statement der weltgrößten Fachgesellschaft für Klinische Onkologie nicht nur zusammengefasst; auch die abzuleitenden Maßnahmen zur allgemeinen Gesundheitsprävention sind hier sehr gut und übersichtlich dargestellt – wie gewohnt ergänzt durch ein exzellentes Quellenverzeichnis („Alcohol and Cancer: A Statement of the American Society of Clinical Oncology„).

Es gäbe wirksame Maßnahmen

Welche Möglichkeiten sieht die ASCO im gesundheitspolitischen Kontext, um die verheerenden gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums in unserer Gesellschaft zu begrenzen? Ganz weit vorne genannt werden beispielsweise Maßnahmen wie:

  • Werbeverbot für alkoholische Getränke
  • verpflichtende visuelle Warnhinweise (ähnlich wie auf Tabakwaren)
  • Verbot konsumfördernder Aktionen („Pay one, get two“, Flatrate-Tarife)
  • Null-Promille-Grenze im Straßenverkehr
  • reduzierte Verfügbarkeit von Alkohol (man denke an deutsche Tankstellen!)
  • gesetzliche Preisuntergrenzen („Mindestpreise“) für alkoholische Getränke (seit November 2017 in Schottland als erstem Land der Welt gegen massiven Lobbywiderstand durchgesetzt)

Wer angesichts dieser stark regulatorischen Eingriffe in einen großen Wirtschaftszweig darauf verweist, der mündigen Bürger werde schon jetzt viel zu sehr bevormundet und gegängelt – schließlich sei es ja eine freie Entscheidung jedes Einzelnen, was er mit seiner Gesundheit so anstelle – der sei noch einmal an die bloßen Zahlen erinnert: In Deutschland sterben jährlich nicht nur über 20.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums, sondern bei uns kommen jedes Jahr auch ca. 10.000 Kinder alkoholgeschädigt auf die Welt, und mehr als 2,5 Millionen Kinder haben mindestens einen alkoholkranken Elternteil. In diesen Fällen schützt keine Verhaltensprävention durch Aufklärungskampagnen, hier wirken nur gesetzgeberische Maßnahmen.

Die Folgen betreffen uns alle – nicht nur die Alkoholkranken

Denn der gesellschaftliche Schaden des Alkoholkonsums ist sogar noch größer als der persönliche gesundheitliche Schaden des jeweiligen Konsumenten; neben dem nicht selbstverschuldeten Leid der alkoholgeschädigten Kinder tragen wir alle die gesellschaftlichen Folgekosten des Alkoholkonsums – ca. 40 Milliarden Euro pro Jahr (Lange et al. 2017). Daneben finden 30 % aller Gewaltstraftaten unter Alkoholeinfluss statt, und an ca. 13.000 Unfällen im Straßenverkehr ist Alkohol beteiligt.

Da erhält das Wort „Tankstelle“ gleich eine ganz andere Bedeutung… – übliches Sortiment in Deutschland. (Foto: M. Smollich)

Besonders irrwitzig mutet das Alkoholsortiment an deutschen Tankstellen an – dies fällt den meisten erst auf, wenn sie nach einer Auslandsreise mit dem Auto nach Deutschland zurückkehren. Bei ausländischen Besuchern führt die Tatsache, dass das Angebot an alkoholischen Getränken in deutschen Tankstellen größer ist als in einem normalen Supermarkt, regelmäßig zu ungläubigem Kopfschütteln.

Was heißt das für Ernährungsberatung und Krebsprävention?

Für die Ernährungsberatung bedeutet die Schlussfolgerungen aus dem aktuellen ASCO-Statement zweierlei: Zum Einen sollte im Rahmen einer Beratung zur „gesunden Ernährung“ auch der Alkoholkonsum mit einbezogen werden – und zwar dahingehend, dass die vermeintlich „risikoarmen“ Konsummengen vermutlich deutlich niedriger liegen, als dies bisher immer noch empfohlen wird (veraltete Daten!). Zum Anderen sollte die „Angst vor Krebs“ bei gesundem Menschenverstand nicht dazu führen, Seefisch zu meiden (Methylquecksilber!), auf Pommes zu verzichten (Acrylamid!) und keinen Leinsamen mehr zu essen (Cadmium!) – aus ernährungstoxikologischer Perspektive wäre es zur präventiven Risikominierung ungleich relevanter, den gesellschaftlichen üblichen Alkoholkonsum deutlich zu reduzieren.

Denn Fakt ist: Rund 85 % aller ernährungsbedingten Krebstodesfälle bei uns gehen eben nicht auf die von Verbrauchern so gefürchteten Umweltrisiken, sondern allein auf hyperkalorische Ernährung und Alkohol. Es gäbe also wirklich viel zu tun.

Und falls die Diskussion auch darauf kommt: Für einen relevanten Leberschutz-Effekt durch die Anreicherung von Alkohol mit Tee – in welcher Farbe auch immer – oder mit Lakritz-Extrakten gibt es aktuell nicht den Hauch eines wissenschaftlichen Beweises, allen Wunschvorstellungen zum Trotz. Aber einen Hoffnungsschimmer gibt es ja doch: Im wenig Hipster-kompatiblen Rotwein haben wir die antioxidativen und antikanzerogenen Anthocyane von Natur aus mit enthalten – ganz ohne künstliche Anreicherung. Die Frage ist allerdings, ob die Anthocyan-Konzentrationen für einen relevanten Effekt ausreichen. Aber das ist eine andere Geschichte…

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