Fasten vor der Chemotherapie?

Wenig wird im Zusammenhang von Krebs und Ernährung aktuell so heiß diskutiert wie diese Frage: Ist es sinnvoll, vor einer Chemotherapie zu fasten, um ihre Wirkung zu steigern? Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen. Worauf sollte man achten?

Was ist die Idee dahinter?

Angesichts der Schock-Diagnose „Krebs“ gab es schon immer – meist unseriöse – Heilsversprechen, die sich auf „Krebsdiäten“ oder alternativmedizinische Behandlungen bezogen. Tatsächlich spielt die Ernährung sowohl für die Krebsentstehung als auch für den Verlauf der Erkrankung eine wichtige Rolle (vgl. „Ernährungspraxis Onkologie“).

Unabhängig von einer therapeutischen Wirkung suggerieren unseriöse „Krebsdiäten“ jedoch vor allen Dingen eins: die Wiedererlangung von Selbstwirksamkeit und -selbstbestimmung. Damit sind sie häufig ein probates Mittel gegen das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an eine übermächtige Krankheit und eine angsteinflößende moderne Medizin (vgl. „Krebs durch Vitamin B12?“).

Seit kurzem gibt es den Trend, kurz vor und nach einer Chemotherapie zu fasten, um damit die Verträglichkeit zu verbessern und die Wirksamkeit zu steigern. Dieser Ansatz wird in der wissenschaftlichen Onkologie kontrovers diskutiert (Caccialanza et al. 2018).

Durch den Hungerstoffwechsel sollen die Tumorzellen empfindlicher für die Chemotherapie werden, während gleichzeitig die gesunden Körperzellen vor den toxischen Effekten geschützt bleiben. Grundlage dieser Überlegungen sind verschiedenen Ergebnisse aus der Laborforschung an Krebszellen und Tieren.

Erste Hinweise aus Tierexperimenten

Tatsächlich hat die experimentelle Forschung auf diesem Gebiet in den letzten Jahren spannende Hypothesen geliefert. Beispielsweise zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass ein kurzzeitiger Nahrungsverzicht gesunde Zellen, nicht jedoch Krebszellen vor dem oxidativen Stress einer Chemotherapie schützen kann (Raffaghello et al 2008; Lee et al. 2012).

In Mausmodellen zum Neuroblastom führte die Kombination einer Chemotherapie mit Fasten zu einem verlängerten Überleben, was weder für die Chemotherapie noch für das Fasten allein beobachtet werden konnte (Lee et al. 2012). Und bei Versuchen mit besonders aggressiven Glioblastomen in Mäusen erhöhte das Fasten die Ansprechrate der Tumoren auf die Strahlen- und die Chemotherapie und verlängerte das Überleben (Safdie et al. 2012).

Wieso soll das funktionieren?

Es gibt verschiedene Fastenformen, die sich in ihren Stoffwechseleffekten deutlich voneinander unterscheiden. Eine besondere Rolle spielt der sog. Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor 1 (insulin-like growth factor, IGF-1). Dieser Wachstumsfaktor wird überwiegend von der Leber gebildet und ins Blut abgegeben. Dadurch gelangt er in alle Körpergewebe und stimuliert dort Wachstum und Zellteilung. Auch viele Krebszellen werden durch IGF-1 zu vermehrtem Wachsum angeregt.

Beeinflusst wird die Bildung von IGF-1 durch zahlreiche äußere Faktoren, z. B. Stress, körperliche Aktivität und Ernährung. So ist schon lange bekannt, dass Fasten die Blutkonzentration von IGF-1 senkt. Dadurch wird der Wachsumsimpuls für Krebszellen abgeschwächt. Zusätzlich bewirken sinkende IGF-1-Konzentrationen die Aktivierung zellulärer Programme, die die Regeneration geschädigter Zellen fördern (sog. Autophagie). Für die Erforschung der Bedeutung von Autophagie für Langlebigkeit und Krankheitsentstehung wurde 2016 der Nobelpreis für Medizin verliehen (sehr gute Zusammenfassung hier).

Fasten verändert das Immunsystem

Auch am Immunsystem führt das Fasten zu messbaren Veränderungen. So bewirkt der Nahrungsverzicht eine Aktivierung CD8-zytotoxischer Lymphozyten und eine Hemmung regulatorischer T-Zellen, wodurch die Autophagie gesteigert wird (Englert und Powell 2016). Zusätzlich fördert das Fasten die Aktivität des Tumorsuppressors p53. Dadurch kommt es z. B. in Brustkrebs- und Melanomzellen zum programmierten Zelltod (Apoptose) (Shim et al. 2015).

Diese Mechanismen können dazu beitragen, dass Krebszellen anfälliger für die Chemo- und/oder Strahlentherapie werden, während gesunde Zellen vor den toxischen Effekten besser geschützt sein könnten. Doch die Dinge liegen nicht ganz so einfach. Zwar wirkt die Fasten-induzierte Autophagie an gesunden Zellen Tumor-unterdrückend, an Krebszellen jedoch könnte sie das Wachstum sogar weiter beschleunigen (Petibone et al. 2017).

Studienlage am Menschen

Ungeachtet dieser spannenden Daten aus Zell- und Tierversuchen gibt es nur sehr wenige klinische Studien, die den Effekt von Fasten während der Chemotherapie bei Menschen untersucht haben. Was wissen wir heute?

Studie 1: Einer der ersten Fallberichte stammt aus dem Jahr 2009 (Safdie et al. 2009). Dabei wird beschrieben, wie zehn verschiedene Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen vor (48 – 140 Stunden) und/oder nach der Chemotherapie (5 – 56 Stunden) fasteten. Sechs der zehn Patienten berichteten von verbesserter Verträglichkeit der Chemotherapie durch das Fasten. Auf die Wirksamkeit der Chemotherapie wirkte sich das Fasten nicht nachteilig aus. Diese Studie ist wenig aussagekräftig, da die Fallzahl sehr gering ist und keine Zufallsverteilung vorgenommen wurde.

Studie 2: In einer weiteren Studie fasteten 20 Männer und Frauen entweder 24, 48 oder 72 Stunden vor bzw. nach einer Chemotherapie (Dorff et al. 2009). Es zeigte sich ein Trend hinsichtlich besser Therapieverträglichkeit bei denjenigen, die 48 oder 72 Stunden fasteten. Daten zu einem Effekt auf die Wirksamkeit der Chemotherapie gibt es aus dieser Studie nicht.

Studie 3: 2015 folgte eine erste randomisiert-kontrollierte Studie mit 13 Frauen mit Brustkrebs (de Groot et al. 2015). Diese Frauen wurden zufällig in eine Fasten- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt. Die Fastengruppe fastete 24 Stunden (short-term fasting, STF) vor und nach der Chemotherapie, die Frauen der Kontrollgruppe aßen normal weiter. Die Fastenperiode wurde sehr gut vertragen und reduzierte signifikant die hämatologische Toxizität der Chemotherapie. Auf andere Nebenwirkungen wie Übelkeit hatte das Fasten keinen Einfluss.

Studie 4: Die jüngste Studie wurde an der Charité in Berlin durchgeführt (Bauersfeld et al. 2018). Insgesamt 34 Frauen mit Brust- oder Eierstockkrebs wurden in zwei Gruppen verteilt: Alle Frauen fasteten insgesamt 60 Stunden, und zwar 36 Stunden vor bis 24 Stunden nach der Chemotherapie. Jede Frau erhielt dabei vier bis sechs Chemotherapie-Zyklen. Eine Gruppe der Patientinnen fastete während der ersten Hälfte ihrer Chemotherapien und aß während der weiteren Chemotherapien normal; bei der anderen Gruppe war es genau anders herum (normal essen während der ersten Chemotherapien, fasten während der späteren Chemotherapien). Das Ergebnis: Nur bei jenen Frauen, die während ihrer ersten Chemotherapien fastete, zeigten sich Verbesserungen von Lebensqualität und schwerer Erschöpfung (Fatigue). Relevante Nebenwirkungen des Fastens traten nicht auf.

Scheinfasten als neuer Trend

Eine neue Entwicklung innerhalb der Fastenforschung ist das sog. „Scheinfasten“ (fasting mimicking diet) (Brandhorst et al. 2015). Hier wird nicht vollständig auf Nahrung verzichtet, sondern nur so viel Nahrung aufgenommen, dass der Körper zwar den Fastenstoffwechsel aktiviert, man aber die Nahrungszufuhr nicht so stark einschränken muss wie beim klassischen Fasten.

In diesem Zusammenhang werden Substanzen erprobt, die im Körper den Fastenstoffwechsel „anschalten“ – im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses steht hierbei u.a. Spermidin (Pietrocola et al. 2016). Lebensmittel mit hohem Spermidin-Gehalt sind beispielsweise Sojabohnen, Weizenkeime und alter Käse. Zur Sinnhaftigkeit dieser Interventionen ist noch viel weniger bekannt als über das Chemotherapie-parallele Fasten an sich.

Kann man Chemopatienten das Fasten empfehlen?

Das hört sich sehr vielversprechend an. In der Praxis gibt es immer wieder Patienten, die von diesen Studien gehört haben und die deshalb eigenständig fasten – vor und nach der Chemotherapie, und mitunter sogar deutlich länger als in den genannten Studien. Ist das empfehlenswert?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist die wissenschaftliche Datenlage nicht ausreichend, um Krebspatienten das Fasten zu empfehlen. Wichtiger wäre es, jene Maßnahmen gegen Mangelernährung umzusetzen, die längst als wirksam bekannt sind (vgl. „Dekade gegen Krebs“). Die vorgestellten Studien hatten alle sehr geringe Fallzahlen, und die Fastenzeiten waren unterschiedlich lang. Häufig wird vergessen, dass es nicht die Krebserkrankung und die Chemotherapie gibt: Krebserkrankungen sind pathophysiologisch sehr unterschiedlich, sodass z. B. selbst Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs ist.

Das Gleiche gilt für die Zusammensetzung, die Dosierung, die Begleitmedikation und die Zyklushäufigkeit einer Chemotherapie. Damit ist die Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf eine andere medizinische Konstellation schwierig bis unmöglich.

Und vielleicht das Entscheidende: In den bisher durchgeführten Humanstudien standen Effekte auf Laborwerte im Mittelpunkt. Es ist völlig unklar, wie sich das Fasten während der Chemotherapie langfristig auf den Verlauf der Krebserkrankung und die Gesundheit der Patienten auswirkt.

Wichtige Vorsichtsmaßnahmen beachten

Falls Betroffene das Fasten während der Chemotherapie ausprobieren möchten, sollten einige wichtige Vorsichtsmaßnahmen dringend beachtet werden:

  • Führen Sie die Fastenintervention nur nach vorheriger Rücksprache mit Ihrem Onkologen durch! Das Fasten sollte von einem erfahrenen Arzt begleitet werden. Am besten wird es im Rahmen einer ärztlich kontrollierten, wissenschaftlichen Studie durchgeführt. Entsprechende Studien laufen auch an verschiedenen deutschen Universitätskliniken.
  • Patienten, die schon vor Beginn der Therapie mangelernährt oder untergewichtig sind, sollten auf keinen Fall fasten. Das kann den Krankheitsverlauf verschlechtern. Auch Patienten ohne offensichtliches Untergewicht können mangelernährt sein (sarkopene Adipositas).
  • Bei den diskutierten Fasteninterventionen geht es um kurzzeitiges Fasten im Kontext von Chemo- und/oder Strahlentherapie. Längeres Fasten mit dem Ziel, den Tumor „aushungern“ zu wollen, funktioniert nicht und ist potenziell lebensgefährlich. Das gilt auch für die aktuell sehr populäre ketogene Diät: Die dabei im Körper gebildeten Ketonkörper können einige Krebszellen zwar schädigen, andere Krebszellen in ihrem Wachstum jedoch fördern. Eine ketogene Ernährung kann keine Krebstherapie ersetzen.
  • Beim Fasten während einer Chemotherapie handelt es sich um eine experimentelle Therapie, deren langfristige Risiken unbekannt sind. Das Fasten ist keine Therapieform, von der Wunder zu erwarten sind.

Fazit

Ob das Fasten während der Chemo- und/oder Strahlentherapie die Hoffnungen erfüllen wird, weiß derzeit niemand. Die wissenschaftlichen Daten sind sehr vielversprechend und liefern spannende Hypothesen. Wer diese experimentelle Therapie ausprobieren möchte, sollte Vorsichtsmaßnahmen beachten und das Fasten nicht ohne ärztliche Begleitung durchführen.

2 Kommentare

  1. Interessant, dass ein kurzzeitiger Nahrungsverzicht gesunde Zellen, nicht jedoch Krebszellen vor dem oxidativen Stress einer Chemotherapie schützen könnte. Ich habe vor einiger Zeit auch schonmal von solchen Studien gehört. Wenn man das mit seinem behandelnden Arzt abspricht, dann denke ich, es spricht nichts dagegen es einmal auszuprobieren.

  2. Wer stellt eigentlich die Frage, ob die so genannte „Chemotherapie“ überhaupt geeignet ist und ein Weg sein soll, den Krebs loszuwerden? Oder geht es gar nicht darum, „ihn“ loszuwerden?

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