Märchenstunde Verhaltensprävention

Wenn es um die Prävention ernährungsbedingter Krankheiten geht, wird von interessierter politischer Seite immer wieder die Bedeutung der Ernährungsbildung und der Verhaltensprävention betont: Die BürgerInnen seien ja schließlich mündig und dürften nicht bevormundet oder in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt werden – und ein solcher Eingriff wären Maßnahmen wie „Zuckersteuer“, Werbeverbote und Zuckerhöchstmengen in Kinderlebensmitteln ja ohne Zweifel. Zumindest dann, wenn man die Möglichkeit zur Gesundheitsschädigung von Kindern als einen integralen Bestandteil von Aufklärung und bürgerlichen Freiheitsrechten ansieht.

Mehr Informationen helfen nicht

Schade nur, dass die WHO und medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften ihre Empfehlungen anhand wissenschaftlicher Studien abgeben. Und dort ist die Sachlage eindeutig: Verhaltensprävention („Information der BürgerInnen“) ist praktisch unwirksam im Vergleich zur Verhältnisprävention („Make the healthy choice the easy choice“).

2017 wurde im British Medical Journal eine interessante Analyse publiziert. Darin stellten die Wissenschaftler die Marketing-Ausgaben der Junk-Food-Industrie in Großbritannien den staatlichen Ausgaben zur Förderung gesunder Ernährung gegenüber (O’Dowd 2017). Das Fazit damals: Das Budget der Lebensmittelindustrie für Werbemaßnahmen für Chips, Süßigkeiten und zuckerhaltige Softdrinks ist fast 30 Mal so hoch wie das öffentliche Budget für Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung. Insgesamt betrugen die reinen Marketing-Ausgaben der 18 größten Hersteller jener Lebensmittel, die die gemeinnützige Obesity Health Alliance als „Junk Food“ klassifizierte, 143 Mio. britische Pfund. Dem standen staatliche Ausgaben zur Gesundheitsförderung (Change4Life-Kampagne) in Höhe von 5,2 Mio. Pfund gegenüber.

Werbeausgaben stellen Verhaltensprävention in den Schatten

Wie sieht es bei uns in Deutschland aus? Am 11.09.2018 stellte die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner im Deutschen Bundestag den Entwurf des Haushalts ihres Ministeriums für das Jahr 2019 vor (Pressemitteilung Nr. 115). Darin enthalten: 12 Millionen Euro für „Maßnahmen zur Förderung ausgewogener Ernährung“. Ist das viel oder wenig? Naja. Diesen 12 Millionen Euro für Verhaltensprävention stehen 876 Millionen Euro jährlicher Werbeausgaben für Süßwaren gegenüber (Statista.com).

Da soll noch einer sagen, Verhaltensprävention habe nicht hohe politische Priorität. Aber es ist ja auch klar: Die Folgen dieser Nicht-Maßnahmen fallen nicht in das Budget von Julia Klöckner. Ohnehin ist es nur historisch zu verstehen, dass die Ernährungsthemen im Landwirtschaftsministerium und nicht dort angesiedelt sind, wo sie eigentlich hingehören – im Gesundheitsministerium.

Gesetzgeber müsste sein Monopol nutzen

Was sagt uns das – jenseits des zweifelsohne berechtigten Kulturpessimismus? Die aktuelle Analyse zeigt wieder einmal, dass das Rennen um die Gesundheit der Bevölkerung durch die öffentliche Hand selbst mit einer maßvollen Ausgabensteigerung allein nicht gewonnen werden kann – zu ungleich sind die finanziellen Ressourcen verteilt. Wenn es um’s Geld geht, stehen sich Gemeinwesen und Lebensmittelindustrie wie David und Goliath gegenüber. Einzig wirksam wäre hier die Nutzung einer ganz besonderen Ressource, für die der Gesetzgeber das Monopol besitzt – die Gesetzgebung nämlich.

Weltweit setzen schon jetzt zahlreiche Regierungen auf entsprechende Sonderabgaben, um den Konsum zuckergesüßter Lebensmittel einzuschränken: unter anderem Belgien, Finnland, Portugal, Frankreich, Großbritannien und Irland. Die Mehreinnahmen dienen wiederum zur Finanzierung von Diabetes- und Adipositas-Präventionsprogrammen. Doch in Deutschland ist die Zuckerlobby einflussreicher.

Zur wirksamen Verhältnisprävention empfehlen die WHO sowie die WHO-Kommission ECHO (Ending Childhood Obesity) dringend spezifische Maßnahmen, um insbesondere die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Diese Maßnahmen umfassen neben „Zuckersteuern“ (bei gleichzeitiger Subventionierung „gesunder“ Lebensmittel) auch die gesetzliche Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung.

Erst im Sommer 2017 hatten sich der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einem eindringlichen Appell an die Bundesregierung gewandt, auf diesem Feld endlich zu handeln und den WHO-Empfehlungen zu folgen (Offener Brief „Ärzte gegen Fehlernährung“). Der bis Anfang 2018 zuständige „Bundesernährungsminister“ Christian Schmidt lehnte eine Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung für stark gesüßte Lebensmittel aus politischen Gründen ab – aller medizinischen Expertise und wissenschaftlicher Evidenz zum Trotz. Seine Amtsnachfolgerin Julia Klöckner setzt diesen unseligen Weg leider fort.

5 Kommentare

  1. Aus meiner Seele geschrieben, trefflich und für die breite Öffentlichkeit bestimmt – Danke. Leider ist die massive „Projektitis“ des BMEL zur Weiterbildung sehr massiv. Alles ist inzwischen Business geworden: Gesundheit, Umwelt & Landwirtschaft und Menschenwohl.
    Wenn Verbände, Mediziner, Wissenschaftler (eben die Eliten) und NGOs nicht zusammen die notwendige Lobby für Gesetzesänderungen herstellen, wird es keine andere Kraft schaffen.

    1. Vielen Dank für diese Rückmeldung – das sehe ich genauso. Wenn die von Ihnen genannten Gruppen zusammenarbeiten, können wir erfolgreich sein.

  2. Ich sehe es genauso. Jedoch ich frage mich, wenn es den „oberen“ wichtig wäre, eine Gesetztesänderung durchzuführen, hätten sie es doch eigentlich schon gemacht. Dadurch das ich verschiedene Artikel aus verschiedenen Bereichen gerne mal lese, kommt mir immer der Gedanke: Auf was verzichten die „oberen“, wenn sie die Gesetze ändern?
    Ich denke da an die Autoindustrie. Die ersten E-Autos wurden in den 80igern gebaut, jedoch von der Ölindustrie “ sabotiert“. Ist das evtl. auch in der Lebensmittelindustrie so….
    Es gibt noch viel mehr, wo Menschen etwas herausgefunden haben, und dann auf einmal das Ruder doch in eine andere Richtung gedreht wurde.
    Also für mich die Zukunftsfrage immer noch: Wer profitiert von welchen Gesetzen…. ? …. und wer schaut langfristig dabei in die Röhre….? Zum letzteren sind es wir Verbraucher, aber die erste Frage kann/ sollte jeder mal, sich den ein oder anderen Gedanken zu machen.

    1. Ich habe langsam den Verdacht, dass die Damen und das Herren Gesundheits-, Verbraucher- und Wasauchimmerminister an ihre persönliche Zukunft denken. Länger als 4 Jahre macht doch kaum ein Minister diese Posten. Und danach möchte man sich doch gern die gut dotierten Redner-, Berater und Vorstandsposten sichern. Aber die gibt’s natürlich nicht, wenn man in seiner Amtszeit pööhse Gesetzte gegen die liebe Industrie gemacht hat 🤐

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