Statine und ein Gläschen Wein…

„Darf ich denn trotz Statin-Therapie wenigstens noch abends ein Gläschen Wein trinken? Das soll doch so gut für’s Herz sein!“ Wahrscheinlich kennt jeder, der in der Ernährungstherapie tätig ist, diese Frage von Patienten. Doch was ist die richtige Antwort darauf?

Alkohol trotz Statinen? Eine praxisrelevante Frage

Diese Frage ist sehr praxisrelevant, da sich die Statin-Therapie in aller Regel als langfristige Dauertherapie präsentiert und gleichzeitig ein moderater Alkoholkonsum weit verbreitet ist.

Grundsätzlich gibt es zwischen Statinen und Alkohol keine direkte Interaktion; die beiden einzigen Lebensmittel mit direkter Statin-Wechselwirkung sind Grapefruit-/Pomelo-Produkte sowie Rotschimmelreis. Das indirekte Interaktionspotenzial von Statinen und Alkohol ergibt sich aus dem additiven Potenzial der Hepatotoxizität, die sich durch die Kombination verstärken kann. Ebenfalls möglich ist eine reduzierte hepatische Metabolisierung der Statine bei einer alkoholbedingten Leberschädigung; in der Folge könnte es aufgrund der reduzierten Statin-Clearance zu relativen Überdosierungen und erhöhter Toxizität kommen.

Was ist „maßvoller Alkoholkonsum“?

Zudem stellt sich hier auch die Frage nach der Definition des „maßvollen“ Alkoholkonsums, wozu durchaus unterschiedliche Meinungen existieren. Für die Beantwortung der Frage sollen daher als Maß für den risikoarmen Alkoholkonsum die Empfehlungen von WHO und Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) zugrunde gelegt werden: Risikoarmer und damit moderater Konsum bedeutet bei Frauen max. 1 alkoholisches Standardgetränk pro Tag (10-12 g/d Ethanol) und für Männer max. 2 alkoholische Standardgetränke pro Tag (20-24 g/d Ethanol) bei zusätzlich jeweils mindestens zwei komplett alkoholfreien Tagen pro Woche.

Statine und Alkohol: Pragmatisches Vorgehen

Aus pragmatischer Perspektive dürfe bei gesunder Leber ohne Funktionsstörungen ein entsprechender risikoarmer Alkoholkonsum bei gleichzeitiger Statin-Therapie unbedenklich sein; gleiches gilt erst recht für einen quantitativ noch geringeren, das heißt nur sporadischen Alkoholkonsum. In beiden Fällen wäre auch eine Verschiebung der Statin-Einnahme vom Abend auf den früheren Tag weder erforderlich noch pharmakokinetisch sinnvoll.

Zusätzlich empfiehlt sich bei Statin-Patienten mit moderatem Alkoholkonsum die engmaschigere, das heißt halbjährliche Durchführung von Leberfunktionstests; bei anhaltenden Leberwert-Erhöhungen sollte vor dem Absetzen des Statins zunächst versucht werden, den Alkoholkonsum zu reduzieren, um so zum gewünschten Effekt zu kommen. Auch klinische Symptome wie Muskelschmerzen nach sporadischem Alkoholkonsum, die auf eine erhöhte Statin-Toxizität hindeuten, sollten beachtet werden und zu einer Reduktion des Alkoholkonsums führen. Nichtsdestotrotz wäre ein vollständiger Alkoholverzicht aus hepatologischer Perspektive optimal.

Und wenn es etwas mehr ist?

Bei Patienten unter Statin-Therapie dagegen, die Alkoholmengen oberhalb der WHO-Referenzmengen konsumieren, könnte es durchaus zu einer additiven Leberschädigung bzw. einer erhöhten Statin-Toxizität kommen. Dies gilt ebenfalls für Patienten mit Lebererkrankungen. Daher sollten bei Patienten unter Statin-Therapie in beiden Fällen – Alkoholkonsum oberhalb der WHO-Referenzwerte oder moderater Alkoholkonsum bei bestehender Lebererkrankung – zumindest die Leberfunktion engmaschig (3-monatlich) kontrolliert und die Statin-Dosis ggf. angepasst werden, falls eine Einschränkung des Alkoholkonsums nicht praktikabel ist.

PS: Und Purple Tea oder Lakritz zum Alkohol machen die ganze Geschichte natürlich auch nicht besser…

PPS: Neuere Studien zeigen zudem, dass Statine zur Primärprävention bei älteren Menschen (> 74 Jahre) mit Atherosklerose keinen protektiven Effekt besitzen – außer es handelt sich um Diabetiker (Ramos et al. 2018).

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