Schützt Colostrum vor Corona-Viren?

Angesichts der Coronavirus-Pandemie versuchen viele Menschen, ihr Immunsystem über Nahrungsmittel und Supplemente zu stärken. Dabei wird auch immer häufiger für Colostrum von Kühen geworben. Die Werbeanzeigen versprechen hier Schutz vor bakteriellen und viralen Infekten. Kann das funktionieren? Von Pauline Krüger.

Was ist Colostrum?

Colostrum, auch Vormilch oder Biestmilch genannt, ist eine besondere Form der Muttermilch, die Säugetiere nur in den ersten Tagen der Stillzeit produzieren. Diese Erstmilch unterscheidet sich von gewöhnlicher Muttermilch durch die darin hochkonzentriert enthaltenen Inhaltsstoffe. Tatsächlich enthält Colostrum neben den üblichen Nährstoffen zahlreiche bioaktive Substanzen wie Antikörper, Wachstumsfaktoren und Enzyme (Menchetti et al. 2016).

Immunglobuline (besser bekannt als Antikörper) können körperfremde Strukturen wie Bakterien oder Viren erkennen und binden. Sie sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Die Immunglobuline der Mutter schützen das Neugeborene in den ersten Lebenstagen vor Krankheitserregern, bis der Säugling eigene Antikörper produzieren kann. Die Spezifität der mütterlichen Antikörper hängt davon ab, mit wie vielen Krankheitserregern die Mutter vorher in Kontakt gekommen ist. Von Rindern stammendes Colostrum (sog. „bovines Colostrum“) ist menschlichem Colostrum zwar ähnlich (Menchetti et al. 2011), unterscheidet sich aber in der Antikörper-Zusammensetzung (Stelwagen et al. 2009).

Colostrum als „Immun-Booster“?

Supplemente mit Rinder-Colostrum werden als „natürliche Immun-Booster“ beworben. Da Colostrum die erste Nahrung jedes Neugeborenen ist, beziehen sich viele Befürworter dabei auf die „Urkraft der Natur“ und sehen in Colostrum einen Cocktail aus gesundheitsfördernden Immunzellen. Die rechtliche Situation ist aus guten Gründen eindeutig: In der EU sind für Colostrum keinerlei gesundheitsbezogenen Angaben erlaubt. Dies gilt auch für Behauptungen, Colostrum wäre gegen Corona-Viren wirksam.

Im Rahmen der Herstellung von Supplementen wird Colostrum bei mindestens 60 °C pasteurisiert. Die enthaltenen Antikörper können diese kurze Wärmebehandlung überstehen, doch andere bioaktive Substanzen werden schon bei deutlich niedrigeren Temperaturen zerstört (Mainer et al. 2006). Dabei ist kein Colostrum-Supplement exakt gleich: Die Zusammensetzung hängt von den einzelnen Kühen und der jeweiligen Herstellungsmethode ab.

Diese Effekte versprechen Colostrum-Supplemente

Glaubt man den Herstellerangaben, soll Colostrum das menschliche Immunsystem „unterstützen“. Damit würde es als Antibiotikum, gegen Grippe und Magen-Darm-Infekte wirken und das Fortschreiten von Diabetes, Krebs oder Alzheimer verlangsamen. Auch gegen das neuartige Corona-Virus solle Colostrum schützen. Der Körper würde die bioaktiven Substanzen aufnehmen und sei dadurch in der Lage, die Infektion besser abzuwehren. So versprechen es zumindest die dubiosen Angebote im Online-Marketing.

Anlässlich der aktuellen Corona-Pandemie ist es eine immer häufiger gestellte Frage, ob die Einnahme von Colostrum tatsächlich vor einer Infektion mit Corona-Viren schützen könnte. Wie also sieht die Studienlage hier aus?

Colostrum gegen Atemwegsinfekte

Wie ältere Studien zeigen, kann die orale Einnahme von Colostrum die Häufigkeit von Erkältungen und Atemwegsinfekten geringfügig senken (Patiroglu et al. 2011, Cesarone et al. 2007, Brinkworth & Buckley 2003). Die Dauer und der Schweregrad der Infekte wurden dagegen nicht beeinflusst. Damit ist Colostrum offensichtlich keine Therapieoption für bereits bestehende Infektionen. Die genauen Mechanismen dieser Zusammenhänge konnten trotz verschiedener Hypothesen bisher nicht identifiziert werden (Stelwagen et al. 2009, Mero et al. 2002, Carol et al. 2011, Crooks et al. 2010).

Da es zur Colostrum-Anwendung kaum Studien an Menschen gibt, stützen Befürworter ihre Argumente überwiegend auf Tierexperimente mit Mäusen (Ng et al. 2010, Xu et al. 2015). Hierbei wird meist „immunisiertes Colostrum“ verwendet. Dazu wird die Kuh vor dem Melken mit exakt jenem Erreger geimpft, mit dem anschließend die Mäuse infiziert werden. Dieses „immunisierte Colostrum“ hat immunologisch völlig andere Eigenschaften als nicht-immunisiertes Colostrum.

Außerdem wird das Colostrum in manchen Studien nicht geschluckt, sondern über die Nase verabreicht. Dadurch befinden sich die enthaltenden Antikörper bereits in den Atemwegen und können dort direkt wirken. Doch auch sonst lassen sich diese Studienergebnisse nicht auf Menschen übertragen, weil die Unterschiede zum Immunsystem von Mäusen zu groß sind (Ober et al. 2001).

Colostrum gegen Magen-Darm-Infekte

In Bezug auf den Magen-Darm-Trakt haben ältere Studien gezeigt, dass oral eingenommenes Colostrum zur Prävention, aber ebenfalls nicht zur Behandlung von Infektionen wirksam sein kann (Huppertz et al. 1999, Kaducu 2011). Dies wird möglicherweise dadurch erklärt, dass die Colostrum-Antikörper im Verdauungstrakt Krankheitserreger binden und deren Eindringen in die Darmzellen verhindern. Außerdem sind die Antikörper aus Rinder-Colostrum teilweise spezifisch für typische Magen-Darm-Erreger (z. B. E. coli, Salmonellen oder Rotaviren), weil die Kühe damit ebenso wie Menschen in Kontakt kommen.

Die meisten Daten zur Prävention von Magen-Darm-Infekten gibt es für Säuglinge. Dies liegt vermutlich daran, dass deren Verdauungssystem noch nicht voll entwickelt ist. So bleiben die Colostrum-Antikörper unverdaut und intakt (Ng et al. 2010). Zudem ist die Darmwand von Erwachsenen (nicht aber von Säuglingen) für die Antikörper undurchlässig. Daher können sie bei Erwachsenen gar nicht in den Blutkreislauf und in andere Organe gelangen. Um den Abbau der Colostrum-Antikörper durch die Magensäure zu verhindern, werden Colostrum-Kapseln gelegentlich magensaftresistent beschichtet. Das vermindert zwar den Abbau der Antikörper im Magen, reduziert aber gleichzeitig deren Konzentration im Darm (Tacket et al. 1999, Warny et al. 1999).             

Wirkt Colostrum gegen Grippe- und Corona-Viren?

Colostrum wird im Marketing oft als „Impfung fürs Leben“ dargestellt. Teilweise wird sogar suggeriert, Colostrum könne vor jeglicher Art von Viren (einschließlich Corona-Viren) schützen und würde deswegen Grippeschutzimpfungen ersetzen. Zwar gibt es aus Maus-Studien Hinweise auf positive Wirkungen von Colostrum-Bestandteilen bei Grippe-Infektionen (Xu et al. 2013). Doch bislang wurde dies in keiner Studie an Menschen bestätigt. Und für einen Effekt von Colostrum auf Corona-Viren gibt es nicht einmal publizierte Untersuchungen an Mäusen.

Die Behauptungen, Colostrum schütze vor Infektionen mit dem Corona-Virus oder könne COVID-19 heilen, entbehren daher jeder wissenschaftlichen Grundlage. Unabhängig davon ist ein entsprechendes Marketing rechtlich unzulässig: Wegen der fehlenden Wirksamkeitsbelege sind für Colostrum in der EU alle gesundheits- und krankheitsbezogenen Werbeaussagen verboten.

Eine gute Übersicht über weitere Nahrungsergänzungsmittel, die mit unseriösen Heilsversprechungen zur Anwendung bei COVID-19 beworben werden, gibt es hier.

Fazit: Wirksamkeit unklar

Bisher gibt es keine aussagekräftigen Studien, die eine antiinfektive Wirksamkeit von Colostrum beim Menschen zuverlässig belegen (Rathe et al. 2014). Die Wirksamkeit von oral eingenommenem Colostrum auf Atemwegsinfekte (einschließlich COVID-19) ist ohnehin nicht plausibel, weil die enthaltenen Antikörper im Darm nicht aufgenommen werden und nicht in die Lunge gelangen können. Bei den Studien zu Magen-Darm-Infektionen waren es nur einzelne Individuen, die von Colostrum tendenziell profitierten.

Da die wenigen verfügbaren Studien allerdings auch keine relevanten Risiken zeigen (Menchetti et al. 2016), ist der Geldverlust zumindest die vermutlich einzige „Nebenwirkung“ beim Kauf von Colostrum-Supplementen.

4 Kommentare

  1. Das Immunsystem zu stärken sollte nicht nur in der aktuellen Zeit ganz oben auf der Agenda der Menschen stehen. Bereits die kleinste Entzündung im Zahnbereich kann zu einem gefährlichen Entzündungsherd führen, der eine mögliche Zahnbehandlung nach sich zieht!

  2. Geldverlust sei die einzige Nebenwirkung? Oha, leider sehe ich da sofort noch eine andere, viel schlimmere: Mit Colostrum nimmt man den Kälbchen auch die ersten Schlucke der Muttermilch… und wenn viele Leute nun Colostrum kaufen wollen, müssen Kühe dauernd gebären, nur wegen der paar Tropfen. Wir tun diesen Vierbeinern leider schon genug an. Für mich ist Colostrum ethisch nicht vertretbar, zumindest nicht wenn es nicht um direkte Lebensrettung eines Menschen geht. Es gibt viel gute Nahrung und viel gute Nahrungsergänzung, die auch das Immunsystem stärkt etc., pflanzlich und ohne Tierquälerei. Wir brauchen Colostrum nicht!

  3. Leider hat der Autor übersehen, dass es auch kalt filtriertes flüssiges Colostrum von Kühen gibt, das von großmolekularen Fetten, Eiweißstoffen und Kaseinen befreit ist und nicht erhitzt wird.
    Zum Kommentar von J.Müller auch noch eine Anmerkung: Kühe die Milch geben müssen regelmäßig Kälber gebären, da sie sonst keine Milch mehr geben. Den Kälbchen wird auch nichts weggenommen, da die moderne Milchkuh mehr Colostrum produziert, als das Kalb trinken kann, die Kuh ist ja auf Höchstleistung getrimmt. Es sollte auch nur Colostrum von biologisch gehaltenen Kühen zur Anwendung kommen und nur von den ersten 24 – 48 Stunden nach der Kalbung.
    Die Milchdrüse ist eine Ausscheidungsdrüse und da die Kuh, wenn sie trächtig ist „trocken gelegt“ wird und dann keine Milch mehr produziert, werden mit dem Colostrum auch viele Stoffe ausgeschieden, die sich in der Kuh angesammelt haben und negativ sein können, wie z.B. Rückstände von Medikamenten, Antibiotika, Pestiziden usw. Deshalb sollte also nur Bio-Colostrum in flüssiger Form zur Anwendung kommen.
    Zudem gibt es auch noch Ziegencolostrumprodukte, die in der Zusammensetzung günstiger sind. Je Mutterziege wird hier jährlich nur eine Menge von ca 1/2 Liter verwendet. Allerdings habe ich davon noch kein flüssiges Produkt entdeckt, die mir bekannten Ziegencolostrumprodukte werden gefriergetrocknet und nicht erhitzt.

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