Schadstoffe: Die Angst isst mit

In dieser Woche wurden die Ergebnisse der Umfrage „Die Ängste der Deutschen“ publiziert. Was das mit Ernährung zu tun hat? Sehr viel. Denn: Auf Platz 5 der größten Ängste landet die Angst vor Schadstoffen im Essen. Was ist da los?

Umfrage „Die Ängste der Deutschen“

Am 7. September wurden die diesjährigen Ergebnisse der zum 26. Mal durchgeführten repräsentativen Umfrage „Die Ängste der Deutschen“ des Infocenters
der R+V Versicherung publiziert. „Die Angst vor Terroranschlägen liegt mit deutlichem Abstand auf Platz eins und erreicht mit über 70 Prozent einen der höchsten Werte, der jemals in der Langzeitstudie gemessen wurde“, teilte Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters, auf der Pressekonferenz in Berlin mit. Auf den Spitzenplätzen findet sich angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen wenig Überraschendes. Doch auf Platz 5 der größten Ängste der Deutschen steht dann eine Lebensmittel-bezogene Angst. Tatsächlich? Drohen auch in Deutschland Missernten, Hungersnöte oder Choleraepidemien durch kontaminiertes Trinkwasser? Weit gefehlt – auf Platz 5 findet sich die „Angst vor Schadstoffen in Lebensmitteln“.

Schadstoff-Angst: Zweithöchster Wert seit 2003

Im zeitlichen Verlauf fällt auf, dass die Angst vor Schadstoffen in Lebensmitteln aktuell den zweithöchsten Wert seit 2003 erreicht. Sie wird nur von den Ergebnissen des Jahres 2011 übertroffen, wo die Schadstoff-Angst dank des vorangegangenen Dioxin-Skandals ein Rekordwert erzielte. Ende 2010 war bekannt geworden, dass mindestens 3.000 Tonnen dioxinhaltige Industrieabfälle deutschlandweit zu über 150.000 Tonnen Tierfutter verarbeitet worden waren.

Angst von Schadstoffen größer als Angst vor Krebs und Krieg

Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen wurde die Umfrage noch vor dem Fipronil-Skandal durchgeführt – es handelt sich bei diesem Ergebnis also nicht um ein Nachbeben der letzten Erregungswelle. Zum anderen ist diese Angst vor Schadstoffen in Lebensmitteln (neben der Angst vor Naturkastastrophen) die einzige Angst, die im Vergleich zum Vorjahr zugenommen hat. Und auch das Gesamtergebnis mit Blick auf die Top 20 der Ängste in Deutschland vermag aus Ernährungsperspektive einigermaßen zu überraschen: Diese Schadstoff-Angst ist tatsächlich größer (und damit im Alltag gefühlt relevanter) als die Angst davor, im Alter ein Pflegefall zu werden (Platz 9), schwer zu erkranken (Platz 11), Krieg (Platz 12) oder Zerbrechen der Partnerschaft (Platz 20).

Ist das nicht ein starkes Stück? Wer einmal selbst in den zahlreichen Regionen dieser Welt unterwegs war, wo die tägliche Angst vor Nahrungs- und Wassermangel allgegenwärtig ist, dem bleibt kaum mehr als ungläubiges Kopfschütteln angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland (!) eine Nahrungsmittel-Angst überhaupt in die Top 10 geschafft hat.

Was sind relevante Schadstoffe?

Damit sagt dieses Ergebnis weniger über die Qualität der deutschen Lebensmittel aus als viel mehr über Risikowahrnehmung und Ernährungspsychologie. Selbstverständlich ist es mitunter nicht nur widerlich, sondern oft auch illegal, was als in unseren Lebensmitteln landet: BSE, EHEC, Gammelfleisch, Etoxyquin, Dioxine, Glykol… Tatsächlich ist das alles schlimm genug. Aber: Die Angst davor ist größer als die Angst vor Krebs und Krieg?

Angesichts dieser Ergebnisse stellt man sich unwillkürlich eine Frage, die die Studie nicht beantwortet: Welche Schadstoffe in der Nahrung sind es, vor denen die Menschen so große Angst haben? Eigentlich können als Angstauslöser die üblichen Verdächtigen kaum infrage kommen, denn die Zahl der Todesfälle durch Fipronil-Eier, Geschmacksverstärker, künstliche Aromen und diverse andere „künstliche“ Lebensmittelzusatzstoffe ist relativ gering (Null, um genau zu sein).

Und so kommt der Verdacht auf, dass der von unserem „Verbraucherschutzminister“ Christian Schmidt vorbildlich aufgeklärte, mündige Verbraucher zwar erhebliche Angst (Platz 5!) vor Nahrungsbestandteilen hat, die gewiss geschmacklos, aber nicht tödlich sind, während er umgekehrt völlig angstfrei in Bezug auf leckere, aber dafür potenziell tödliche Nahrungsbestandteile agiert.

Kein Lebensmittelproblem, sondern ein Bildungsproblem

Dies alles ist natürlich einigermaßen absurd: Ca. 30 % aller Krebserkrankungen in Deutschland gehen auf unsere Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zurück – und bei den ernährungsbedingten Ursachen für Krebserkrankungen stehen hyperkalorische Ernährung, Übergewicht und Adipositas mit weitem Abstand an der Spitze. Fast die Hälfte aller Krebserkrankungen, die durch Verhaltensänderungen vermeidbar wären, haben ihre Ursache in Fehlernährung und Alkoholkonsum (Colditz et al. 2006).

Schaut man sich diese Ursachen ernährungsbedingter Krebserkrankungen näher an, so sieht man, dass es sich dabei zu ca. 75 % um Übergewicht und Adipositas und zu ca. 10 % um Alkoholkonsum handelt (IARC World Cancer Report 2014). Sehr gute Informationen für die fundierte Ernährungsberatung zu diesem Thema liefert der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich haben Dioxine, Fipronil und Co. nichts in Lebensmitteln verloren. Aber die allgemeine Risikowahrnehmung mutet doch einigermaßen unverhältnismäßig an, ähnlich der bereits diskutierten Chemophobie: Jedes Jahr sterben bei uns Zehntausende Menschen an den Folgen von Fehlernährung – und zwar nicht durch Pestizid-kontaminierte Äpfel, sondern durch hyperkalorische, fleischlastige Dauerernährung und riskanten Alkoholkonsum.

Die vollständigen Ergebnisse der Studie „Die Ängste der Deutschen 2017“ gibt es hier.

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