Neu erschienen: „Agro-Food-Studies“

Für Menschen, die thematisch in Ernährungsmedizin und -wissenschaft zuhause sind, klingen „Agro-Food-Studies“ nicht nur wenig vertraut, sondern aufgrund des Anglizismus auch wenig einladend. Der Blick in das gerade erschienene Buch öffnet jedoch Horizonte. Tatsächlich wird damit eine inhaltliche Lücke geschlossen.

Was sind „Agro-Food-Studies“?

Der vorliegende Band des österreichischen Autorenteams von Ulrich Ermann (Graz), Ernst Langthaler (Linz), Marianne Penker (Wien) und Markus Schermer (Innsbruck) liefert erstmals eine deutschsprachige Einführung in den Themenkomplex der Agro-Food-Studies. Dieser sperrige englische Bindestrich-Titel ist zunächst wenig einladend, was auch den Autoren sehr bewusst ist: Um die Barriere zu überwinden, beginnt gleich das erste Kapitel („Warum Agro-Food-Studies?“) mit der Begründung dieser Wortwahl. Im englischsprachigen Kontext haben sich die Agro-Food-Studies in den letzten 20 Jahren als akademischer Diskussionszusammenhang etabliert (Goodman 1999), und eine reine Übersetzung des Begriffs ins Deutsche („Landwirtschaft-Essen-Studien“) würde die Komplexität der Inhalte – zugegebenermaßen – nur unzulänglich wiedergeben. So wie „Agro“ mehr als Landwirtschaft beschreibt, verbergen sich hinter „Food“ nebeneinander Aspekte von Nahrung, Lebensmittel und Essen. Während der Fokus der bereits länger bekannten Food-Studies eher auf dem Lebensmittel-Konsum liegt, findet er sich bei den Agro-Food-Studies auf der Lebensmittel-Produktion.

Die Autoren verstehen unter den Agro-Food-Studies eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die sich integrativ mit der Produktion und dem Konsum von Nahrung beschäftigt, und zwar unter einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive.

Aus Sicht der bestehenden Studiengänge und Forschungsansätze im Agrar- und Ernährungsbereich, die sich vorrangig in naturwissenschaftlichen, medizinischen, betriebswirtschaftlichen und technischen Zusammenhängen bewegen, schließen die Agro-Food-Studies in der Tat eine Lücke, indem sie diesen naturwissenschaftlich-technischen Ansatz um einen geisteswissenschaftlich-soziologischen Zusammenhang erweitern. So sind die Fachgebiete der vier Autoren auch nicht die klassischen Ernährungswissenschaften, sondern die Humangeographie, die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die ländliche Entwicklung bzw. die Agrar- und Regionalsoziologie. Unter der inhaltlichen Klammer der Agro-Food-Studies finden sich somit Fächer wie Agrarökonomie, -soziologie und -geschichte ebenso wieder wie Kulturanthropologie, Konsumsoziologie oder Konsumgeschichte.

Damit liefern die Inhalte eine Querverbindung zwischen der nominellen Gegenüberstellung von Agro (Produktion) und Food (Konsum). Auch die einzelnen Buchkapitel greifen diese Dichotomie durchgehend auf, um sie dann infrage zu stellen und zu neuen Zusammenhängen zu verbinden. Das ist konsequent gedacht und stringent ausgeführt.

Worum geht es?

Im Kern geht es also um die soziologisch-kulturellen Zusammenhänge von Nahrungsmittelproduktion und -konsum. Diese nicht-naturwissenschaftliche Perspektive ist für einen eingefleischten Naturwissenschaftler zunächst etwas gewöhnungsbedürftig; sie liefert aber neue, spannende Erkenntnisse und erweitert wohltuend einen Horizont, der sich sonst überwiegend zwischen Makronährstoffrelationen, Tumorkachexie und Zufuhrempfehlungen bewegt. Das zeigt sich auch in der soziologisch geprägten Sprache, die aber nach einer kurzen Gewöhnungsphase gut zugänglich ist (über die Sinnhaftigkeit von hier gerne verwendeten Modewörtern wie „Transdisziplinärität“ ließe sich trotzdem streiten – „Interdisziplinarität“ hätte es auch getan). Das 20-seitige Glossar und die sinnvoll gestalteten Quellenverweise sind für den fachfremden Leser hilfreich.

Die 260 Seiten sind in acht Hauptkapitel aufgeteilt, die sich der Einführung in die Begrifflichkeit der Agro-Food-Studies anschließen:

  • Tradition und Moderne: Die historische Entwicklung von Landwirtschaft und Ernährung wird kurz dargestellt, und das weiter verwendete Konzept des „Nahrungsregimes“ wird – mit Schwerpunkt auf dem Zeitalter der Globalisierung – eingeführt und erläutert.
  • Globalisierung und Regionalisierung: Nachdem zunächst die „klassische“ Gegenüberstellung von Globalisierung und Regionalisierung im Kontext von Lebensmittelproduktion und -konsum erläutert wird, zeigen die Autoren vielfältige Möglichkeiten, wie sich die Vorteile regionaler Sozialstrukturen mit den Potenzialen des globalen Handels verbinden lassen; beispielhaft wird hier u.a. die internationale Vermarktung von Lebensmitteln mit begrenzter geografischer Herkunft diskutiert. Anschaulich werden die Verbraucher-Motive für den Wunsch nach regionaler Ernährung beleuchtet („Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.“); die Kritik an der Regionalisierungsdiskussion wird dabei nicht ausgespart, was angesichts anderer, teilweise sehr einseitiger Lobeshymnen des „buy local“ wohltuend differenziert ist. Beispielsweise kann die Energie-/Klimaeffizienz heimischer Lagerware bzw. Glashausprodukte negativer sein als jene von Importware aus Übersee, da die Klimarelevanz ja nicht nur von den zurückgelegten Transportkilometern, sondern maßgeblich von der Energieeffizienz der Produktions-, Verarbeitungs- und Transportbedingungen abhängt. Eingängliches Beispiel für den Vorgang der „Glokalisierung“ sind die lokalen Varietäten globaler Fastfood-Ketten (McDonald’s Lachsburger mit Dillsoße in Norwegen vs. McDonald’s Ingwer-Soja-Huhn in Japan).
  • Gesellschaft und Umwelt: Da die Ernährung wie kaum ein anderes Feld die Interaktion von Mensch und Umwelt bedeutet, werden in diesem Kapitel die Zusammenhänge der sozialen und ökologischen Prozesse der Lebensmittelversorgung beleuchtet. Die Lebensmittelproduktion wird dabei als komplexe Schnittmenge zwischen Gesellschaft (Gesundheit, Tradition, Kultur), Wirtschaft (Marketing, Einkommen, Handel) und Umwelt (Böden, Diversität, Klima) beschrieben.
  • Natur und Technik: Auch die Darstellung des „gefühlten“ Gegensatzes von „Natur“ und „Technik“ im Kontext der Lebensmittelproduktion erfolgt differenziert, kritisch und undogmatisch. Die Leitfrage des Kapitels lautet: „Was ist natürlich?“. Die Autoren zeigen eindrücklich, dass die vermeintlich selbstverständlichen Trennlinien zwischen „natürlichen“ und „industriellen“ Lebensmitteln einflussreiche Konstruktionen sind, die es zu enttarnen und gesellschaftlich stets neu auszuhandeln gilt. Schließlich stammen physisch-materiell gesehen letztlich alle Lebensmittel aus der Natur, und sie unterscheiden sich nicht kategorisch, sondern allenfalls graduell durch den Grad ihrer technischen Verarbeitung. Eindrücklich wird diese fehlerhafte (naive?) Verbrauchersicht am Beispiel des vermeintlichen Naturproduktes „Milch“ vorgeführt; selbst der erste Schritt der Transformationskette (also die Domestizierung des Wildrindes zum „Nutztier“) ist ja streng genommen schon „nicht natürlich“, von weiteren Züchtungsschritten, Fütterungsbedingungen, Melkrobotern, Kühltransporten und komplexer Milchverarbeitung ganz zu schweigen. Erst durch die technischen Möglichkeiten der Pasteurisierung wurde so aus dem gesundheitsgefährlichen Produkt „Rohmilch“ des 19. Jahrhunderts ein Lebensmittel, das von großen Teilen der Bevölkerung als elementarer Bestandteil gesunder Ernährung angesehen wird. Hier erweitern die Autoren die Perspektive in die Zukunft, indem sie die aktuelle Entwicklung von tierleidfreiem „in-vitro-Fleisch“ in die Diskussion einbeziehen, das vielen aktuell als Inbegriff der „Unnatürlichkeit“ erscheint, ohne zu bedenken, wie groß der technologische Sprung bereits zwischen einem gackernden Huhn und einer Portion Chicken McNuggets ist.
  • Kopf und Bauch: Auch das „Kopf-und-Bauch“-Kapitel räumt mit verbreiteten Fehlwahrnehmungen (Wunschvorstellungen…) auf und benennt Widersprüche des täglichen Konsums im Spannungsfeld von Verstand und Gefühl. Als Leitperspektive wird dabei das – nicht unumstrittene – Konzept der „Biopolitik“ verwendet. Nach Foucault kann man hierunter politische Praktiken, Normen und Werte verstehen, die auf die körperlichen Funktionen der Bevölkerung abzielen – also hier quasi die Public Health-Perspektive auf das Ernährungsverhalten. Wie in den Kapiteln zuvor wird die klassische Gegenüberstellung von Leib und Seele im Ernährungskontext reflektiert und miteinander in Verbindung gesetzt.
  • Mangel und Überfluss: Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Beschreibung der bekannten globalen Ungleichverteilung von Lebensmitteln; dass es sich dabei eben um ein Verteilungsproblem und nicht um ein Erzeugungsproblem handelt, dürfte allerdings hinlänglich bekannt sein. Interessant wäre hier eine ausführlichere Diskussion möglicher Ansätze zur Problemlösung.
  • Verbindendes und Trennendes: Über die ernährungspsychologische Bedeutung bestimmter Nahrungsmittel und -stile als soziale Distinktionsmöglichkeiten („Clean Eating“) und identitätsstiftende (religiöse Ernährungsvorschriften) bzw. tourismusrelevante Komponenten („Weinstraße“) ist schon viel geschrieben worden; das entsprechende Buchkapitel fasst dabei die wichtigsten Aspekte kurz und prägnant zusammen. Da die kulturelle Identität auch über die Nahrung konstruiert wird, wirkt sich die unterschiedliche Auffassung von „gutem Essen“ indirekt auch auf die Organisation des ökonomischen Agrar- und Ernährungssystems aus – dieser Aspekt wird meist viel zu wenig beachtet und hier gut herausgestellt.
  • Stabilität und Veränderung: Das abschließende Kapitel will – aufbauend auf den vorhergehenden Analysen – einen Ausblick auf die notwendigen Veränderungen des bestehenden Agrar- und Ernährungsystems geben. Dabei werden die Autoren erwartungsgemäß politisch und konstatieren, dass ein „Weiter so!“ keine Zukunftsoption ist. Aktuell identifizieren sie zwei sich parallel entwickelnde Subsysteme: die Massen-Nahrungsmittelproduktion für den Massenkonsum einerseits und den „moralisierten“ Markt mit fairen Bedingungen und kleinräumigen Wertschöpfungsketten andererseits. Diese beiden Pole werden eindrücklich als „food from nowhere“ und „food from somewhere“ gegenübergestellt. Doch wer meint, die Autoren würden nun in die selbst gestellte Falle tappen, nachdem sie in sämtlichen Kapiteln zuvor darum bemüht waren, schwarz-weiße Dichotomien zu beseitigen, sieht sich positiv überrascht: Beiden Subsystemen (und den zahlreichen hybriden Zwischensystemen) sagen die Autoren noch eine längerfristige Ko-Existenz voraus, da die alternativen Ansätze der Lebensmittelproduktion und des Lebensmittelkonsums auf absehbare Zeit wohl nicht in der Lage sein werden, die Massenproduktion und den Massenkonsum zu ersetzen. Das klingt sehr realistisch.

Fazit: Eine höchst lesenswerte Bereicherung für alle, die sich für die soziologischen Aspekte von Ernährung interessieren.

Dem Anspruch, die Agro-Food-Studies im deutschsprachigen Raum zu etablieren, werden die Autoren durchweg gerecht. Das Buch eignet sich zwar nicht als allumfassendes Kompendium, wohl aber als interdisziplinäre Einführung für Leser ohne fachspezifisches Vorwissen. Die Querverbindung zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen wird konsequent durchgeführt und liefert plausible Argumentationslinien und kreative Denkansätze.

Was das Buch neben der klaren Struktur und der (für soziologische Verhältnisse) prägnanten Sprache besonders auszeichnet ist eine Konzeption, die sich nicht auf die historische und zeitgenössische Beschreibung beschränkt; viel wichtiger ist, dass aktuelle Entwicklungen vorgestellt und hinsichtlich ihres Zukunftspotenzials diskutiert werden (z. B. in-vitro-Fleisch, Honesty-Box, vertical farming, urban agriculture, Glokalisierung, Prosumtion).

Damit ist diese Einführung in die Agro-Food-Studies zwar nichts für jene Fraktion der Ernährungswissenschaftler oder -mediziner, die ohne Interesse am Blick über den Tellerrand der täglichen Routine hinaus sind. Bei geistiger Offenheit für die soziologischen, kulturwissenschaftlichen und politischen Aspekte von Lebensmittelproduktion und -konsum bietet der vorliegende Band jedoch eine erfrischende und leicht zugängliche, neue Perspektive auf vermeintlich vertraute Zusammenhänge. Für den Bereich der Agro-Food-Studies im deutschsprachigen Raum wird dieses Buch sicherlich strukturgebend werden.

Und als weiterer, positiver Nebenaspekt zum Schluss: Auf die in Erstausgaben inzwischen leider häufig anzutreffende hohe Anzahl an Orthographie- und Formatierungsfehlern ist zugunsten sehr guter Lesbarkeit konsequent verzichtet worden.

Ermann/Langthaler/Penker/Schermer „Agro-Food-Studies“, Taschenbuch, 260 Seiten, 1. Auflage, utb Böhlau Verlag 2017. 22,99 EUR.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.