Milchsäurebakterien schützen vor Bluthochdruck

Zu kaum einem anderen ernährungsmedizinischen Thema gibt es so viele Mythen wie über den Zusammenhang von Kochsalz und Bluthochdruck. Spektakuläre Daten könnten nun die Erklärung dafür liefern, weshalb bei manchen Menschen der Bluthochdruck durch Salz ansteigt und bei anderen nicht. Die größte Überraschung: Milchsäurebakterien könnten hier die entscheidende Rollen spielen.

Milchsäurebakterien schützen vor Bluthochdruck

Die aktuell in Nature publizierten Studienergebnisse der Forschergruppe um Nicola Wilck vom Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin (Berlin) deuten zusammengefasst auf folgenden Zusammenhang hin: Eine salzreiche Ernährung reduziert die Laktobazillen im Darm, wodurch der Blutdruck ansteigt. Umgekehrt – und das ist noch erstaunlicher – könnte die Aufnahme eben dieser Laktobazillen mit der Nahrung einen Blutdruckanstieg durch salzreiche Ernährung verhindern. Die individuelle Zusammensetzung des Darmmikrobioms könnte damit darüber entscheiden, wie sich Kochsalz auf den Blutdruck auswirkt. Und weiter: Die regelmäßige Aufnahme von Laktobazillen mit der Nahrung könnte vor diesen unerwünschten Salzeffekten schützen.

Laktobazillen (Milchsäurebakterien) werden auch für die Herstellung fermentierter Milchprodukte wie z. B. Joghurt genutzt. Bereits seit einigen Jahren wird die Bedeutung der menschlichen Darmbakterien für die Entstehung von Bluthochdruck diskutiert (Jose & Raj 2015). Aktuelle Studiendaten stellen sogar einen Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Multipler Sklerose her.

Zudem liefern die aktuellen Studienergebnisse eine mögliche Erklärung dafür, weshalb der Blutdruck bei verschiedenen Menschen unterschiedlich empfindlich auf die Kochsalzzufuhr mit der Nahrung reagiert (Stichwort „Salzsensitivität“) – die Zusammensetzung des jeweiligen Darmmikrobioms könnte der Schlüssel dazu sein. Doch wie sah die Studie dazu aus?

Salz schadet Darmbakterien

Zunächst beobachteten die Wissenschaftler, dass sich bei Mäusen, deren Futter mit einer erhöhten Salzkonzentration versetzt wurde (4 %), das Darmmikrobiom (früher „Darmflora“) veränderte. Besonders markant war dabei der Rückgang des Milchsäure-Bakteriums Lactobacillus murinus (L. murinus). Aus Untersuchungen an Menschen weiß man, dass das Darmmikrobiom von Menschen mit „westlichen“ Ernährungsgewohnheiten ärmer an L. murinus ist als jenes von „Naturvölkern“. Und auch in Zellkulturen zeigte sich: Diese Milchsäurebakterien vertragen keine salzreiche Umgebung. Im nächsten Schritt konnte dann gezeigt werden, dass bei Mäusen die Gabe von L. murinus mit der Nahrung den Blutdruckanstieg durch salzreiche Kost verhindert.

Effekt erstmals an Menschen bestätigt

In einer kleinen Pilotstudie mit zwölf Probanden untersuchten die Wissenschaftler dann, ob diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragbar sind. Die Umstellung der Probanden auf eine sehr salzreiche Ernährung mit 14 Gramm Kochsalz pro Tag (mittlere Zufuhr in Deutschland: 8-9 Gramm/Tag, empfohlen sind 56 Gramm/Tag) führte sowohl zu einem Blutdruckanstieg als auch zu einem Rückgang von L. murinus im Darm. Und jetzt kam der entscheidende Schritt: Jene Probanden, die zusätzlich zu der salzreichen Kost ein Probiotikum mit Milchsäurebakterien erhielten, zeigten plötzlich keinen Blutdruckanstieg mehr. Die Milchsäurebakterien scheinen also auch bei Menschen zu verhindern, dass salzreiche Lebensmittel den Blutdruck erhöhen.

Es gibt sogar schon erste Hinweise darauf, wie die Milchsäurebakterien den Salz-induzierten Blutdruckanstieg verhindern: Offensichtlich verhindert L. murinus die Induktion einer bestimmter Art von T-Helferzellen (TH17), die nicht nur an verschiedenen immunologischen Reaktionen, sondern eben auch an der Blutdruckerhöhung beteiligt sind.

Joghurt gegen Bluthochdruck?

Die Ergebnisse dieser Studie wurden nicht umsonst in Nature publiziert – einer der renommiertesten Fachzeitschriften der Welt. Tatsächlich könnten sie sich als wegweisend für die zukünftige Forschung erweisen, mit möglicherweise gravierenden Konsequenzen für die praktischen Ernährungsempfehlungen. Bevor nun aber der Rat gegeben wird, die negativen Folgen einer salzreichen Ernährung könnten durch einen Joghurt zwischendurch kompensiert werden, müssen natürlich noch weitere, große Studien folgen. Ein paar Mäuse und zwölf Probanden sind hier nicht besonders viel. Doch die Ergebnisse sind derart schlüssig und werden durch weitere immunologische Parameter bestätigt, dass sich vermutlich ein ganz neuer Ansatz zur Prävention des Bluthochdrucks auftun wird.

5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Professor Smollich,

    ein sehr interessanter Artikel, den Sie für Ihren Blog gefunden haben. Er könnte zumindest salzsensiblen Hypertonikern helfen, an „salzbetonten“ Tagen durch ein einfaches Nahrungsmittel Blutdruckanstiege zu verhindern.

    Zur Präzisierung:

    „…Rückgang von L. murinus im Darm. Und jetzt kam der entscheidende Schritt: Jene Probanden, die zusätzlich zu der salzreichen Kost ein Probiotikum mit Milchsäurebakterien erhielten, zeigten plötzlich keinen Blutdruckanstieg mehr. Die Milchsäurebakterien scheinen also auch bei Menschen zu verhindern, dass salzreiche Lebensmittel den Blutdruck erhöhen.“

    Die Probanten bekamen also „EIN Probiotikum mit Milchsäurebakterien“. War das auch
    L. murinus oder eine von den vielen anderen Arten der Laktobazillen? Und wenn es L. murinus war, die Frage an Sie als Pharmazeut, wo könnten Patienten diesen kaufen.
    Er scheint so selten zu sein, dass er bei Wikipedia nicht einmal erwähnt wird.

    Ein au meiner Sicht sehr sinnvoller Blog, den Sie eingerichtet haben. Ich hoffe, er findet großen Zuspruch, denn unter den Experten der Ernährungsmedizin gibt es doch noch große gegensätzliche Auffassungen (Stichwort u.a. DGE). Um so verwirrender für Patienten.

    Im Voraus vielen Dank für Ihre Antwort.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Fischer

    1. In der genannten Studie erhielten die Probanden ebenfalls Lactobacillus murinus. Meines Wissens gibt es kein Präparat im Handel, das den getesteten Bakterienstamm enthält, aber der Markt ist natürlich auch sehr unübersichtlich. Es wäre durchaus plausibel, dass ähnliche Effekte auch bei anderen, sprich bereits im Handel befindlichen Präparaten auftreten – doch dazu gibt es noch keine Studien.

      1. Sehr geehrter Herr Professor Smollich.

        Danke für diesen hochinteressanten Artikel.
        Hat sich hier schon etwas getan, speziell bei der Verfügbarkeit solcher Präparate?
        Sind diese bereits käuflich erwerbbar?

        Vielen Dank

        LG
        Michael

        1. Bisher gibt es noch keine Präparate im Handel, die der Studienanwendung entsprechen. Wir werden also wohl noch etwas abwarten und weiterforschen müssen… Ich behalte die Entwicklungen im Auge!

  2. Hallo Herr Smollich – ein spannender Artikel!
    Seltsam, dass ich erst jetzt darauf gestoßen bin.

    Ich bin auf der einen Seite stark am Blutdruck interessiert, aber auch, vermutlich angetrieben durch den Vortrag bei einem Science Slam „Darm mit Charme“, an dem Darm.

    Faszinierend, ich nahm an, dass osmotische Prozesse die Problematik mit dem Salz auslösen und nur Kalium als Gegenspieler in Frage kommt. Und nun scheinen Bakterien die Situation stark zu beeinflussen.
    Vielen Dank für Ihre Mühe
    FS

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