Neue VDOE-Vorstandsvorsitzende: „Oecotrophologie darf lauter sein!“

Auf der VDOE-Mitgliederversammlung am 21. Juni wurde Kirsten Hummerich zur neuen Vorstandsvorsitzenden des BerufsVerbands Oecotrophologie gewählt. Die berufspolitische Vertretung der Oecotrophologen und verwandter Disziplinen repräsentiert insgesamt rund 4.000 Mitglieder. Im Interview erläutert Kirsten Hummerich ihre Ziele für die zweijährige Amtszeit.

Kirsten Hummerich: Oecotrophologin mit besonderer PR-Expertise

Mit der Wahl von Kirsten Hummerich lieferte die Mitgliederversammlung des VDOE eine handfeste Überraschung, denn die neue Vorstandsvorsitzende bringt einen besonderen beruflichen Werdegang mit: Nach dem Studium der Oecotrophologie in Gießen (1995 – 2001) war sie von 1998 bis 2005 in verschiedenen PR-Agenturen tätig, bevor sie zur Gründerin und geschäftsführenden Gesellschafterin der Agentur markenzeichen GmbH wurde. Seit 2009 ist Kirsten Hummerich Geschäftsführerin der ebenfalls von ihr gegründeten Agentur LOBSTER & me.

„Die Oecotrophologie leidet noch immer darunter, unterschätzt zu werden.“ Kirsten Hummerich, Vorstandsvorsitzende des VDOE (Foto: Christian Augustin\VDOE).

Martin Smollich (MS): Sehr geehrte Frau Hummerich, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zur neuen Vorstandsvorsitzenden des VDOE! Was hat Sie dazu bewegt, sich tatsächlich zur Wahl zu stellen und in der Verbandspolitik auf höchster Ebene aktiv zu werden?

Kirsten Hummerich (KH): Vielen Dank! Netzwerke sind im beruflichen Leben wichtiger denn je, davon bin ich fest überzeugt. Ein Berufsverband wie der VDOE als berufspolitische Vertretung der Oecotrophologen, Haushalts-, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftler ist eine wichtige Interessenvertretung seiner Mitglieder. Wer für sich im Arbeitsfeld Oecotrophologie etwas erreichen möchte, wer gehört werden, gute Rahmenbedingungen und -strukturen vorfinden möchte, muss sich dafür einsetzen.

Durch meine beruflichen Erfahrungen im Bereich Image- und Beziehungsarbeit für Unternehmen, Marken, Verbände oder Einzelpersonen und damit verbunden dem stetigen Dialog mit Stakeholdern, glaube ich entscheidend dazu beitragen zu können, das Gesamtprofil des Verbandes weiter zu stärken.

MS: Welche Erfahrungen aus Ihrer Freiberuflichkeit bringen Sie mit, um die anstehenden Herausforderungen erfolgreich anzugehen?

KH: In meinem „daily business“ geht es sehr oft darum, sich schnell und zuverlässig, mit „Köpfchen“, in die Sachen hineinzudenken, Chancen und Risiken zu erkennen und optimal anzugehen. Dabei geht es immer auch um gute Kommunikation, einen offenen Dialog, aktives netzwerken und schließlich darum, geschickt die richtigen Knöpfe zu drücken. Ich mag Begegnungen mit Menschen und möchte ihnen privat und beruflich stets offen und respektvoll begegnen. Wir sind alle nur Menschen und kochen mit Wasser – ich habe daher keine Angst, Entscheider anzusprechen und sie für die Sache zu begeistern.

MS: Was entgegnen Sie denn Kritikern, die einwenden, dass Sie aufgrund Ihrer bisherigen Berufstätigkeit im Marketingbereich gar nicht wissen, was die „Alltagssorgen“ in der freiberuflichen Ernährungstherapie sind?

KH: Bestimmt maße ich mir nicht an, mit einem bereits fertig gepackten Koffer voller Lösungen antreten zu können. Über die „Alltagssorgen“ und Herausforderungen werden wir intensiv gemeinsam sprechen, sie analysieren und bewerten – und dann die beste Lösung finden. Und tatsächlich weiß ich auch bei meinen Kunden zunächst nie, wo der Schuh drückt. Genau dort fängt meine Arbeit immer wieder an.

MS: Gibt es ein besonders wichtiges Ziel, das Sie als Vorstandsvorsitzende des VDOE erreichen möchten?

KH: Der VDOE ist ein gewichtiger Verband, der auf politischer Ebene noch mehr Gehör finden und „mitmischen“ muss. Dafür zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, sprich dort, wo Politik gemacht wird, ist mir ein wichtiges Anliegen. Zudem habe ich das Gefühl, dass die Oecotrophologie völlig zu Unrecht noch immer darunter leidet, unterschätzt zu werden. Aktuell haben wir 4.000 Mitglieder – tolle, faszinierende Persönlichkeiten, die mitten im Leben stehen, modern sind, im digitalen Zeitalter angekommen sind und sich keineswegs verstecken müssen, im Gegenteil! Oecotrophologie kann und darf selbstbewusst, lauter, aber zugleich gelassen, entspannt und cool sein.

MS: Bei welchen Ihrer Ideen rechnen Sie mit Gegenwind?

KH: Unterschiedliche Meinungen und Blickwinkel sind wichtig und sollen Platz haben. Im Business wie auch im echten Leben braucht es den Kritiker, der Dinge auch mal hinterfragt, Risiken sieht und den Finger in die Wunde legt. Es ist eben nicht alles rosarot, es gibt nicht den einen Weg zum Ziel und ein Flugzeug hebt auch im Gegenwind ab und kommt mit zufriedenen Passagieren am Ziel an.

MS: Welche Überraschungen gab es bereits in den ersten Tagen nach Ihrer Wahl?

KH: Da die Wahl im Rahmen der „Ernährung 2018“ in Kassel mit über 1.700 TeilnehmerInnen stattfand, war es für mich sehr beeindruckend, zuvor eher unbeachtet und nun wahrgenommen und pro-aktiv angesprochen zu werden. Mit vielen positiven Wünschen, aber auch mit Hinweisen auf Punkte, die es anzupacken gelte. Auch wenn Anliegen manchmal persönlich gefärbt sind, steckt doch häufig auch viel Wahres für das Gesamte dahinter. Zuhören, und damit meine ich wirklich hinzuhören, was der andere sagen möchte, finde ich immens wichtig.

MS: Gab es Menschen, die Ihnen davon abgeraten haben, zu kandidieren?

KH: Da ich als Geschäftsführerin selbständig meine PR-Agentur LOBSTER&me manage und mich noch dazu (nebenberuflich) in einer Ausbildung zum Vier-Elemente-Coach befinde, gab es aus dem familiären Umfeld durchaus einige Nachfragen. Allerdings wissen meine Leute auch, dass, wenn ich mich für etwas entschlossen habe, Substanz dahinter steckt und ich die kritischen Punkte meist bereits für mich gelöst habe.

MS: In welchem Bereich möchten Sie das politische Profil des VDOE stärken?

KH: Wo und wann immer es in politischen Belangen um die Ernährung geht – ob in der Entwicklung, Herstellung oder Qualitätssicherung von Lebensmitteln, ob in der Prävention, Therapie ernährungsbedingter Krankheiten, ob für Einzelne oder junge bis alte Menschen in der Gemeinschaftsverpflegung, ob in der Ernährungsbildung oder dem betrieblichen Gesundheitsmanagement: Die jeweiligen politischen Stellen mögen uns als VDOE mit hervorragend qualifizierten Mitgliedern zu Rate ziehen und einbinden. Der VDOE ist ein wichtiger Mitspieler, der mit an den Tisch gehört.

MS: Wie möchten Sie die Vernetzung zwischen VDOE und den Fachhochschulen bzw. Universitäten verbessern? Wo sehen Sie dabei besonderen Handlungsbedarf?

KH: In den ersten Wochen gilt es, zu sondieren, welche Handlungsfelder es gibt und wo der größte Bedarf ist. Am Herzen liegt mir persönlich das Image der Studiengänge und der Studierenden.  Ich wünsche mir, allen Studierenden in direkten Begegnungen mit dem VDOE und „menschlichen“ Beispielen unserer Mitglieder aufzuzeigen, wo die tolle Reise hingehen kann. So vieles ist möglich – leider verunsichert das auch oft. Ich wünsche mir, dass der VDOE noch stärker an den Hochschulen sichtbar ist.

MS: Eines Ihrer erklärten Ziele ist ein „umfassendes Reputationsmanagement“. Was verstehen Sie darunter?

KH: Große Verbände wie der VDOE brauchen nach außen wie nach innen ein klares Profil. Der VDOE hat eine Meinung und wagt es auch, diese zu vertreten. Ich denke, dass der VDOE sich noch mehr im Außen zeigen und selbstbewusst präsentieren darf. Was uns alle eint, ist im Großen und Ganzen doch die Beschäftigung mit der Nahrungsaufnahme – ohne die lebt es sich nun mal deutlich schlechter. Ohne uns OecotrophologInnen, Ernährungs- und HaushaltswissenschaftlerInnen in den vielfältigsten Arbeitsbereichen würde so manche Branche schlecht dastehen.

MS: Was halten Sie von den Bestrebungen verwandter Berufsgruppen – z. B. der Diätassistenten -, zukünftig verstärkt auf die Akademisierung zu setzen? Entsteht dadurch nicht neue Konkurrenz für die bestehenden Oecotrophologie-Studiengänge?

KH: Ich befürworte die Möglichkeit, sich über Ausbildung als auch Studium beruflich dem Themenfeld Ernährung widmen zu können. Nicht jeder muss studieren und nicht alle Schüler müssen ein Abitur machen, um beruflich erfolgreich zu werden! Eine weitere Akademisierung verstärkt meiner Meinung nach das eher die weitverbreitete Auffassung, dass nur ein Studium etwas zählt. PR für Ausbildungsberufe ist auch ein Themenfeld, bei dem ich glatt einsteigen würde! Ich glaube fest daran, dass unter allen Strichen die Begeisterung für eine Sache zählt, um erfolgreich zu sein. …und da halte ich es wie Henry Ford: „Ob du denkst, du wirst Erfolg haben oder nicht: Du wirst auf jeden Fall recht behalten.“

MS: Frau Hummerich, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.