Wurm-Eier zum Frühstück: Probiotika mal anders

Was stark gewöhnungsbedürftig klingt, könnte Ernährungsfachkräften bald auch in der Realität begegnen: Aktuell verbreitet sich über das Internet ein Supplement mit dem Namen Trichuris suis ovata (TSO), wobei es sich um lebensfähige Eier des Schweinepeitschenwurms handelt, die oral eingenommen werden sollen. Der Hersteller dieses Produktes hat inzwischen die Zulassung als Novel Food beantragt, doch bereits jetzt sind entsprechende Kapseln via Internet verfügbar. Wer isst so etwas?

Wurm-Eier gegen Autoimmunerkrankungen

Besondere Zielgruppe der Wurmeier-Präparate sind Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Grundlage dieser Anwendung soll die Hygiene-Hypothese sein, wonach sich die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ja gerade in den Regionen der Welt entwickeln, wo aufgrund der hohen Hygienestandards die Kontamination der Nahrung mit Bakterien und Parasiten nur noch selten vorkommt. Diese Hypothese ist nicht neu, aber sie erreicht mit der Wurmeier-Vermarktung eine neue Blüte. So gibt es Vermutungen, dass Parasiten die pathologische intestinale Immunabwehr bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen abschwächen könnten.

Larven in der Darmschleimhaut

Bei dem Schweinepeitschenwurm handelt es sich um einen Parasiten aus dem Stamm der Fadenwürmer, der weltweit bei Haus- und Wildschweinen vorkommt. Aus den Eier schlüpfen Larven, die sich zunächst in die Dünndarmschleimhaut einnisten. Die Larven entwickeln sich dann im Darm zu den 4-8 cm langen Würmern, die dort eine Lebenszeit von ca. fünf Monaten vor sich haben. Im Menschen sollen die Würmer weniger lange überleben als in Schweinen.

Es sogar Studien an Menschen

Eine dänische Studie untersuchte 2010 den Effekt einer Kur mit besagten Wurm-Eiern auf den Verlauf von allergischer Rhinitis – ohne Wirkung (Bager P et al. 2010). Die ersten Untersuchungen zum Einsatz der Wurm-Eier bei Patienten mit Morbus Crohn liefert Dr. Summers 2005 (Summers RW et al. 2005), der 29 Patienten mit aktivem Morbus Crohn Trichuris ovata-Eier verabreichte; eine Placebo-Gruppe gab es allerdings nicht. Eine ähnliche Studie mit 36 Patienten folgte 2013 (Sandborn WJ et al. 2013).

Aktuelle Studie bei Morbus Crohn: Wirksamkeit fehlt, Sicherheit ungewiss

Die einzige aussagekräftige Studie zum Thema wurden 2016 unter Leitung von Professor Schölmerich vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main durchgeführt; die Ergebnisse wurden Anfang 2017 publiziert (Schölmerich J et al. 2017): Im Rahmen dieser Studie erhielten immerhin 252 Patienten mit aktivem Morbus Crohn sechs Mal im Abstand von 14 Tagen die Wurm-Eier peroral, und zwar in den Dosierungen von 250, 2500 oder 7500 Eiern pro Tag. Parallel gab es eine Placebo-Gruppe. Primärer Endpunkt der Studie war die Remissionsrate (Aktivitätsindex CDAI < 150). Die Wurm-Eier führten zwar nach 12 Wochen zu einer dosisabhängigen Immunantwort, unterschieden sich in ihrer klinischen Wirkung aber nicht von Placebo. Die postulierte klinische Wirksamkeit wurde damit widerlegt. Zumindest im Beobachtungszeitraum gab es aber auch keine Hinweise auf unerwünschte Wirkungen. Wie es mit mittel- und langfristigen unerwünschten Wirkungen aussieht, wurde nicht erfasst. Der Studienleiter Professor Schölmerich fasste die Ergebnisse in einem Interview für die Berliner Morgenpost mit einem Satz zusammen: „Der Effekt ist gleich Null.“

Wenn Wurm-Eier wirken würden, wären sie kein Lebensmittel, sondern ein Arzneimittel

Es ist ein altbekanntes Spiel, dass nachweislich unwirksame Therapieansätze von der pharmazeutischen Industrie an die Lebensmittelindustrie weitergereicht werden, denn anders als bei Arzneimitteln muss für das Inverkehrbringen von Lebensmitteln (also auch von Nahrungsergänzungsmitteln) keine Wirksamkeit nachgewiesen werden. Daher überrascht das Bestreben des thailändischen Herstellers der Wurm-Eier Trichuris suis ovata (TSO) nicht, diese nun in der EU als Novel Food zu vermarkten. Schon jetzt kursieren entsprechende Produkte im Internet-Handel.

Fazit: Finger weg!

In Bezug auf die orale Anwendung von Trichuris suis ovata (TSO) sollte die Empfehlung eindeutig sein: Finger weg von einem Produkt, das zur Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen nachweislich unwirksam (Morbus Crohn) bzw. nicht untersucht (Colitis ulcerosa) ist. CED-Patienten mit nachvollziehbarem Leidensdruck könnten sonst die Zielgruppe eines weiteren, hoch bedenklichen Nahrungsergänzungsmittels sein. Und auch die Anwendung durch Gesunde, die diese Produkte (warum auch immer) einnehmen, ist sehr kritisch zu sehen: Die mittel- und langfristigen Folgen der vorsätzlichen Parasiten-Aufnahme für das intestinale Mikrobiom und das Immunsystem sind vollkommen unbekannt.


Quellen:

Bager P et al. Trichuris suis ova therapy for allergic rhinitis: A randomized, double-blind, placebo-controlled clinical trial. J Allergy Clin Immunol 2010; 125(1): 123-30. doi: 10.1016/j.jaci.2009.08.006. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19800680

Sandborn WJ et al. Randomised clinical trial: the safety and tolerability of Trichuris suis ova in patients with Crohn’s disease. Aliment Pharmacol Ther 2013; 38(3): 255-63. doi: 10.1111/apt.12366. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23730956

Schölmerich J et al. A Randomised, Double-blind, Placebo-controlled Trial of Trichuris suis ova in Active Crohn’s Disease. Crohns Colitis 2017; 11(4): 390-399. doi: 10.1093/ecco-jcc/jjw184. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27707789

Summers RW et al. Trichuris suis therapy in Crohn’s disease. Gut 2005; 54: 87–90. doi: 10.1136/gut.2004.041749. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15591509

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