Keto, Low Fat oder Mediterran: Spielt die Ernährungsform beim Abnehmen doch eine Rolle?
Für die metabolische Gesundheit bei Adipositas ist Gewichtsverlust einer der wichtigsten therapeutischen Faktoren. Doch ist es tatsächlich egal, mit welcher Ernährungsform dieser erreicht wird? Eine neue randomisierte Studie in Cell Metabolism liefert dazu interessante Ergebnisse.
Bei Adipositas verbessern bereits relativ geringe Gewichtsverluste zahlreiche metabolische Parameter, z. B. Insulinsensitivität, Glukosestoffwechsel und Leberverfettung. Daraus ergibt sich eine seit Langem diskutierte Frage: Ist vor allem entscheidend, wie viel Gewicht verloren wird – oder spielt zusätzlich eine Rolle, womit wir abnehmen?
Genau das untersuchte eine Forschergruppe der Washington University School of Medicine (St. Louis, USA). Verglichen wurden eine ketogene, eine mediterrane und eine sehr fettarme, pflanzenbetonte Ernährung – bei annähernd identischem Gewichtsverlust.
Drei Ernährungsformen, gleicher Gewichtsverlust
Untersucht wurden Menschen mit einer metabolisch besonders relevanten Kombination aus Adipositas, Prädiabetes und Fettleber. Es handelte sich also nicht um eine repräsentative Gruppe aller Menschen mit Adipositas, sondern um Personen mit ausgeprägter Stoffwechselstörung. 55 Personen wurden randomisiert, 42 schlossen die Studie ab. Verglichen wurden drei deutlich unterschiedliche Ernährungsformen:
- Ketogene Ernährung: 4 % der Energie aus Kohlenhydraten, 23 % aus Protein und 73 % aus Fett. Bei 2.000 kcal entspricht das nur etwa 20 g Kohlenhydraten täglich.
- Mediterrane Ernährung: 50 % Kohlenhydrate, 15 % Protein und 35 % Fett.
- Very-Low-Fat, pflanzenbetont: 70 % Kohlenhydrate, 15 % Protein und 15 % Fett.
Eine wichtige Stärke der Studie: Die Lebensmittel wurden von einer Studienküche bereitgestellt, die Teilnehmenden wurden eng betreut und die dokumentierte Adhärenz lag bei über 95 %.
Erstes Ergebnis: Der Gewichtsverlust in den drei Gruppen war praktisch identisch. Die Teilnehmenden verloren im Mittel 10,4 % ihres Ausgangsgewichts unter Keto, 10,2 % unter mediterraner Ernährung und 10,1 % unter Very Low Fat. Die Gewichtsabnahme dauerte etwa fünf Monate, anschließend wurde das Gewicht vor den abschließenden metabolischen Untersuchungen stabilisiert. Damit lässt sich der Einfluss der Ernährungszusammensetzung deutlich besser vom Effekt des Gewichtsverlusts trennen als in vielen klassischen Ernährungsstudien.
Muskelstoffwechsel: Vor allem der Gewichtsverlust zählt
Ein zentraler Endpunkt war die Insulinsensitivität der Skelettmuskulatur, untersucht mittels hyperinsulinämisch-euglykämischem Clamp. Beim hyperinsulinämisch-euglykämischen Clamp wird Insulin kontrolliert zugeführt und der Blutzucker durch gleichzeitige Glukosegabe konstant gehalten, um die Insulinempfindlichkeit des Körpers möglichst präzise zu messen.
Hier zeigte sich zunächst eine wichtige Gemeinsamkeit: Die Muskel-Insulinsensitivität verbesserte sich durch den Gewichtsverlust in allen drei Gruppen um etwa 50 %. Zwischen den Ernährungsformen gab es keinen wesentlichen Unterschied. Das spricht dafür, dass für diesen Teil des Stoffwechsels vor allem der Gewichtsverlust selbst entscheidend war. Bei der Leber sah das anders aus.
Keto mit stärkeren Effekten auf die Leber
Die Insulinsensitivität der Leber verbesserte sich in allen drei Gruppen. Unter der sehr kohlenhydratarmen ketogenen Ernährung war die Verbesserung jedoch etwa zwei- bis dreimal stärker als unter mediterraner bzw. Very-Low-Fat-Ernährung.
Auch beim Leberfett zeigte sich ein Unterschied: Der Triglyceridgehalt in der Leber sank unter Keto um 67 %, gegenüber jeweils etwa 45 % unter mediterraner und Very-Low-Fat-Ernährung. Darüber hinaus nahm die De-novo-Lipogenese in der Leber – also die Neubildung von Fettsäuren insbesondere aus Kohlenhydraten – unter Keto besonders deutlich ab.
Gerade für Menschen mit metabolischer (nicht alkoholischer) Fettleber sind diese Ergebnisse interessant: Bei identischem Gewichtsverlust scheint eine sehr starke Kohlenhydratrestriktion zumindest kurzfristig zusätzliche Effekte auf den Leberstoffwechsel zu haben.
Unterschiede bei Glukose und Insulin
Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei den 24-Stunden-Profilen. Der durchschnittliche Blutzuckerspiegel über 24 Stunden sank unter Keto um rund 20 %, unter mediterraner und Very-Low-Fat-Ernährung jeweils um etwa 8 %. Noch deutlicher war der Unterschied beim Insulin: Der durchschnittliche Insulinspiegel über 24 Stunden sank unter Keto um 74 %, unter mediterraner Ernährung um 44 % und unter Very Low Fat um 27 %.
Interessant ist auch ein weiterer Befund: Bei 50 % der Teilnehmenden unter Keto lagen die Blutzuckerwerte nach der Gewichtsabnahme nicht mehr im Bereich eines Prädiabetes. Unter mediterraner Ernährung waren es 29 %, unter Very Low Fat 7 %. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl sollten diese Unterschiede allerdings vorsichtig interpretiert und nicht verallgemeinert werden.
Niedrigere Glukosewerte bedeuten nicht automatisch bessere Langzeitprognose
Bei der Interpretation ist ein wichtiger physiologischer Punkt zu berücksichtigen: Wer täglich nur etwa 20 g Kohlenhydrate aufnimmt, führt dem Stoffwechsel wesentlich weniger exogene Glukose zu. Niedrigere Glukose- und Insulinspiegel sind daher zunächst erwartbar. Das macht die Veränderungen nicht irrelevant. Besonders die ausgeprägten Effekte auf Leberfett und hepatische Insulinsensitivität gehen über die triviale Feststellung „weniger Kohlenhydrate führen zu niedrigeren Glukosespitzen“ hinaus.
Trotzdem darf man aus niedrigeren Glukose- und Insulinwerten während einer ketogenen Ernährung nicht automatisch auf ein entsprechend niedrigeres langfristiges Risiko für Typ-2-Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen schließen. Dafür wären längere Studien mit klinischen Endpunkten erforderlich.
Was passierte mit den Blutfetten?
Die Nüchtern-Triglyceride nahmen unter Keto stärker ab. Betrachtete man dagegen die Triglyceridkonzentrationen über volle 24 Stunden, bestanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Ernährungsformen. Unter Keto waren die Triglyceridwerte nach den Mahlzeiten höher, wodurch sich der Vorteil bei den Nüchternwerten relativierte. Auch bei LDL-Cholesterin und Apolipoprotein B zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Ernährungsgruppen. Gleiches galt im Wesentlichen für den Blutdruck.
Die Studie liefert damit keinen Beleg dafür, dass die ketogene Ernährung hinsichtlich des gesamten kardiovaskulären Risikoprofils überlegen wäre.
Was die Studie eigentlich interessant macht
Die wichtigste Botschaft ist weniger die Frage, welche Ernährungsform „gewonnen“ hat. Wissenschaftlich interessanter ist: Gleicher Gewichtsverlust bedeutet offenbar nicht zwangsläufig gleiche metabolische Effekte.
Die etwa zehnprozentige Gewichtsabnahme verbesserte die metabolische Situation bei allen drei Ernährungsformen deutlich. Bestimmte Veränderungen waren offenbar primär mit dem Gewichtsverlust verbunden – insbesondere die Verbesserung der Muskel-Insulinsensitivität. Andere Veränderungen waren dagegen von der Makronährstoffzusammensetzung abhängig. Das galt vor allem für den Lebersstoffwechsel.
Die Studie spricht damit gegen eine zu einfache Vorstellung, nach der bei einer Gewichtsreduktion metabolisch ausschließlich die Energiebilanz bzw. die Zahl der verlorenen Kilogramm relevant wäre.
Warum daraus keine generelle Keto-Empfehlung folgt
So interessant die Ergebnisse sind, die Limitationen sind erheblich:
- Erstens ist die Studie klein. Am Ende wurden nur etwa 14 Personen pro Gruppe untersucht.
- Zweitens waren viele Endpunkte explorativ, also statistisch nur sehr begrenzt aussagekräftig. Die zahlreichen sekundären Endpunkte wurden nicht umfassend für multiples Testen adjustiert. Einzelne signifikante Unterschiede können daher sehr leicht Zufallsbefunde sein.
- Drittens waren die Studienteilnehmer hochselektiert. Die Teilnehmenden hatten gleichzeitig Adipositas, Prädiabetes und Fettleber. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf metabolisch gesunde Menschen mit Übergewicht oder Adipositas übertragen.
- Viertens war die Studiendauer kurz. Ob die beobachteten Unterschiede langfristig bestehen bleiben und eine Ernährung mit nur 20 g Kohlenhydraten täglich dauerhaft praktikabel ist, beantwortet die Studie nicht.
- Fünftens bleibt offen, ob tatsächlich eine ketogene Ernährung erforderlich ist. Möglicherweise könnte bereits eine moderate Kohlenhydratreduktion einen Teil der beobachteten metabolischen Vorteile erzielen.
Was bedeutet das für die Ernährungspraxis?
Die Ergebnisse sprechen keineswegs gegen mediterrane oder pflanzenbetonte Ernährung. Alle drei Ernährungsformen führten bei vergleichbarem Gewichtsverlust zu erheblichen metabolischen Verbesserungen. Sie zeigen aber, dass bei der Auswahl einer Ernährungsstrategie neben Gewichtsverlust und Adhärenz auch der individuelle metabolische Phänotyp relevant sein könnte.
Gerade bei Menschen mit ausgeprägter Insulinresistenz und metabolischer Fettleber könnte eine starke Kohlenhydratrestriktion eine therapeutisch interessante Option darstellen. Ob dafür eine ketogene Ernährung erforderlich ist oder eine moderate Kohlenhydratreduktion ausreicht, bleibt offen.
Ebenso wichtig ist die zeitliche Perspektive: Eine Ernährungsform kann kurzfristig bestimmte metabolische Parameter besonders stark verbessern, ohne deshalb automatisch die beste Strategie für langfristige kardiovaskuläre Gesundheit, Lebensqualität und Gewichtsstabilisierung zu sein.
Fazit
Die Studie zeigt nicht, dass Menschen mit Adipositas generell eine ketogene statt einer mediterranen Ernährung empfohlen werden sollte. Sie zeigt aber eindrucksvoll, warum die alte Debatte „Kalorien versus Makronährstoffe“ zu kurz greift.
Ein Gewichtsverlust von rund 10 % verbesserte die metabolische Gesundheit unabhängig davon, ob er mit ketogener, mediterraner oder sehr fettarmer pflanzenbetonter Ernährung erreicht wurde. Die Makronährstoffzusammensetzung beeinflusste allerdings zusätzlich einzelne metabolische Effekte – besonders in der Leber.
Für Ernährungsfachkräfte ergibt sich daraus weniger ein neues „Keto ist besser“-Narrativ als ein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung: Nicht jede Ernährungsform wirkt bei gleichem Gewichtsverlust metabolisch identisch – und nicht jeder kurzfristige metabolische Vorteil bedeutet automatisch eine Überlegenheit für die langfristige Gesundheit.
Originalpublikation:
Petersen MC et al. Effect of diet macronutrient content on the cardiometabolic response to weight loss: A randomized clinical trial. Cell Metabolism. 2026. doi: 10.1016/j.cmet.2026.07.020
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