Neu erschienen: „Allergie und Mikrobiota“

Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen nimmt in westlichen Gesellschaften weiter zu. Als Motor dieses Trends werden neben Umwelteinflüssen auch zahlreiche Ernährungsfaktoren diskutiert. Ein aktuelles Buch widmet sich dem Zusammenhang von allergischen Erkrankungen und Darmbakterien – und verbindet damit zwei spannende Fachgebiete.

Hohe Ausrufezeichen-Dichte

Autoren des 320 Seiten umfassenden Buches sind die beiden Mediziner Dr. Rainer Schmidt (Kinderarzt und Allergologe aus Wustrow) und Dr. Susanne Schnitzer (Internistin aus Langensendelbach). Bereits in den beiden Vorworten wird der missionarische Impetus der Autoren deutlich: Vor dem Hintergrund ihrer Biographien berichten sie von den erlebten Enttäuschungen der Schulmedizin bei der Therapie allergischer Erkrankungen („Wir müssen also umdenken!“). Beide Autoren möchten mit dem vorliegenden Buch nach eigenen Worten jahrzehntelange ärztliche Erfahrung und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführen.

Diese persönliche Motivation der Autoren macht verständlich, weshalb es dem wissenschaftlich sozialisierten Leser zunächst Schwierigkeiten bereitet, sich auf den teilweise emotionalen Duktus der Ausführungen einzulassen. Bereits im Vorwort finden sich viele Ausrufezeichen, Anführungsstriche und Signalwörter wie „Zuvielisation“ oder „Bewusst-Sein“, die in eine esoterische und alternativmedizinische Richtung weisen. Die Begeisterung der Autoren für ihr Thema, die sog. Mikrobiologische Therapie allergischer (und anderer) Erkrankungen springt den Leser manchmal doch etwas sehr direkt an und driftet ins Unsachliche ab: „Die Ergebnisse, die nun auf der ganzen Welt […] hervorbrechen, sind schier unglaublich und faszinierend. […] Es ist höchste Zeit!“ – so Susanne Schnitzer in ihrem Vorwort.

Mikrobiologische Therapie bei immunologischen Erkrankungen

Es ist erklärter Anspruch des Buches, dem Leser die theoretischen Grundlagen und die therapeutische Anwendung der sog. Mikrobiologischen Therapie nahezubringen. Mit den Grundsätzen dieser Therapierichtung soll es möglich sein, atopische und chronisch-entzündliche Erkrankungen nicht nur symptomatisch, sondern individuell und ursächlich zu behandeln. Insgesamt gliedert sich das Buch in fünf Kapitel (Einführung, allergische Reaktion, Diagnostik/Therapie/Prävention, Kasuistiken, Anhang). Das Literaturverzeichnis umfasst 331 Quellenangaben, beinhaltet aber auch zahlreiche populärwissenschaftliche Quellen wie die GEO oder Spekrum der Wissenschaft.

Teil 1 – Einführung (10 Seiten): Die Einführung in das Thema ist mit zehn Seiten kurz gehalten; dabei wird versucht, die bekannten allergischen Erkrankungen aus der Perspektive von Integritätsverlust und Salutogenese neu einzuordnen.

Teil 2: Die allergische Reaktion (150 Seiten): Zunächst führen die Autoren in das Konzept des „Schleimhautorgans“ ein, das davon ausgeht, dass die verschiedenen Schleimhäute des menschlichen Körpers in Oro-Gastrointestinaltrakt, Atemwegen und Urogenitalsystem ein gemeinsam reguliertes „Schleimhautorgan“ handelt. Die histologischen und physiologischen Zusammenhänge werden detailliert und korrekt erläutert; gleiches gilt für die im Folgenden dargestellten Grundzüge immunologischer Reaktionen, die Beschreibung des Darmnervensystems und das darmassozierte lymphatische Gewebe (GALT).

Mit Recht besonders ausführlich fällt auch die Darstellung des Menschen als „symbiontische Lebensgemeinschaft“ aus Mikroorganismen und Makroorganismus aus. Der positive Eindruck wird leider dadurch geschmälert, dass gerade an dieser Stelle die Begeisterung der Autoren die solide wissenschaftliche Darstellung immer häufiger verlässt („Wie schwindelerregend erscheint uns nun die Komplexität der Verhältnisse im Organismus „Mensch“, bei Betrachtung unter dieser verstörend anderen, neuen, systemischen Sichtweise!“). An mehreren Stellen werden weitreichende Aussagen gemacht oder Tabellen gezeigt, ohne dafür eine Quellenangabe zu nennen.

Besonders kritisch wird dies in jenen Abschnitten, wo von den vermeintlich schädlichen Einflüssen von Gluten, Kuhmilch und Schutzimpfungen gesprochen wird: So wird Gluten ziemlich reißerisch als „Getreidebestandteil von höchster Brisanz“ bezeichnet, für Rohmilch (trotz bekannter Gesundheitsgefahren!) werden atopiepräventive Wirkungen behauptet, und die Impfprophylaxe von Kleinkindern wird als „Schutzimpfungen“ in Anführungsstriche gesetzt. Es wird aus immunologischen Gründen explizit empfohlen, Kinder auf keinen Fall im ersten Lebensjahr zu impfen, wenn diese ein „Handicap“ wie Kaiserschnittgeburt, „chemisch-pharmazeutische Therapien“ oder eine „Schreikind-Anamnese“ mitbringen. Zur Anmerkung: Das Robert-Koch-Institut empfiehlt im ersten Lebensjahr explizit die Grundimmunisierung gegenüber sieben Krankheitserregern, u. a. Tetanus, Diphterie und Poliomyelitis (RKI Impfkalender). Es erscheint mehr als fahrlässig, Kindern diese Schutzimpfungen lediglich deshalb vorzuenthalten, weil sie via Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind.

Teil 3: Diagnostik, Therapie, Prävention (60 Seiten): Als sinnvolle „schleimhautassoziierte Diagnostik werden eine Reihe biochemischer und mikrobiologischer Stuhluntersuchungen vorgeschlagen, die weit über die übliche Diagnostik hinausgehen. Darauf aufbauend werden sog. Mikrobiologische Therapien (also die Gabe verschiedener Prä- und Probiotika) empfohlen; als Anwendungsgebiete dieser Präparate werden neben allergischen Erkrankungen auch chronische Atemwegs- und Urogenitalinfekte, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie „psychologische und psychiatrische Problematiken“ genannt – damit wird der Bereich der evidenzbasierten Medizin vollständig verlassen. Aussagekräftige Humanstudien für derartige Empfehlungen werden selbstverständlich nicht genannt.

Abgerundet wird dieser Eindruck durch Ausführungen zur Autovaccine-Therapie, worunter die Anwendung von Bakterienisolaten aus dem Stuhl des jeweiligen Patienten verstanden wird. Die Probiotika-Anwendung wird pauschal bei allen (!) Schwangeren als nützlich empfohlen, ebenso die Stuhlanalytik bei jedem (!) Neugeborenen.

Teil 4: Kasuistiken (40 Seiten): Die aufgeführten Kasuistiken stammen aus den Praxen der Autoren und sollen die Wirksamkeit der sog. Mikrobiologischen Therapie belegen. An dieser Stelle wird auch auf die behauptete Wirksamkeit der pseudomedizinischen SCENAR-Therapie (zur Behandlung von Ohrenschmerzen) verwiesen.

Teil 5: Anhang (25 Seiten): Der Anhang des Buches besteht neben den Literaturangaben vor allem aus einer Auswahl im Handel befindlicher Prä- und Probiotika. Es ist nicht ersichtlich, nach welchem Kriterium diese Auswahl vorgenommen wurde; eine Beurteilung der aufgelisteten Produkte erfolgt nicht. Im Anhang genannt werden auch mehrere Einrichtungen, die (gegen Entgelt) die von den Autoren postulierte, breit angelegte Stuhldiagnostik durchführen – u.a. eben jenes Institut, für das beide Autoren tätig sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Spannendes Thema, alternativmedizinisch überlagert

Das Thema „Mikrobiota“ und die physiologische wie pathophysiologische Bedeutung von Darmbakterien auf die gesamte menschliche Gesundheit gehört in der Tat zu den faszinierendsten Teilgebieten der aktuellen medizinischen Forschung. Erst kürzlich wurde gezeigt, dass sehr viele Medikamente die Darmbakterien schädigen können. Trotz allem, was zu diesem Zusammenhang bereits bekannt ist, stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die in den nächsten Jahren mit Sicherheit noch beeindruckende Studienergebnisse liefern wird. Vor diesem Hintergrund ist der Anspruch der Autoren, den interessierten Leser in die Welt der Darm-Mikrobiota mitzunehmen, vollkommen nachvollziehbar.

Dabei wäre jedoch wünschenswert, wenn die subjektive Begeisterung für dieses Thema mit den Autoren nicht regelmäßig „durchgehen“ würde. So sind die detaillierten Ausführungen zu den physiologischen und immunologischen Zusammenhängen in den allgemeinen Kapiteln des Buches präzise recherchiert und anschaulich dargestellt. Der gleiche Anspruch an wissenschaftliche Akribie wäre jedoch auch dort wertvoll, wo es um die Begründung der sog. Mikrobiologischen Therapie geht. Hier werden reihenweise Prä- und Probiotika unkritisch empfohlen, ohne dass für diese Art der Anwendung evidenzbasierte Wirksamkeitsnachweise geliefert werden. Wissenschaftlich belegte Erkenntnisse zur immunologischen Relevanz der Mikrobiota werden leider mit unwissenschaftlichen, pseudomedizinischen Aussagen vermischt.

Die Kritik etablierter pharmakologischer Therapien (Antibiotika) oder vermeintlich schädlicher Lebensmitteleinflüsse (Milch, Gluten) wird aus korrekt dargestellten biochemischen Zusammenhängen abgeleitet, ohne aussagekräftige Humanstudien zu nennen, die diese Schädlichkeit belegen würden. Auch umgekehrt klingen verschiedene Ansätze der sog. Mikrobiologischen Therapie durchaus plausibel, aber der umfassende Wirksamkeitsnachweise in belastbaren Studien fehlt.

Fazit: Unwissenschaftliche Spekulation auf wissenschaftlicher Grundlage

Damit liefert das Buch zwar einen fachlich fundierten Überblick über die immunologischen Grundlagen des Schleimhautorgans und zeigt Forschungsansätze auf, die in Zukunft eine große Rolle in der medizinischen Entwicklung spielen werden. Darüber hinausgehende Hypothesen bzgl. der Wirksamkeit von Prä- und Probiotika sowie zu spezifischen Nahrungseffekten bleiben bis zum empirischen Nachweis jedoch reine Spekulation. Daran ändern auch einzelne, im Buch präsentierte Kasuistiken nichts.

Schmidt/Schnitzer „Allergie und Mikrobiota. Systemisches Krankheitsverständnis – Mikrobiologische Therapie“, gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 1. Auflage, Haug Verlag 2017. 59,99 EUR.

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