Muskelkater trotz Antioxidanzien

Muskelkater ist im Allgemeinen wenig beliebt. Deshalb nehmen viele Profi- und Hobby-Sportler regelmäßig Antioxidanzien ein oder essen gezielt Antioxidanzien-reiche Lebensmittel – in der Hoffnung, damit den Muskelkater zu reduzieren. Kann das funktionieren? Ein aktuelles Cochrane-Review liefert Antworten.

Muskelkater: Ursache weiter strittig

Wenn man in der Medizin nach guter Evidenz bei bester wissenschaftlicher Methodik sucht, wird man häufig in Cochrane Reviews fündig. So gibt es sehr gute Cochrane-Reviews zur (unwirksamen) Krebsprävention mit Selen-Supplementen (Vinceti et al. 2018) oder zur (unwirksamen) Knochenbruch-Prävention mit Vitamin D-Supplementen (Zhao et al. 2017). Nun wurde in einem Cochrane-Review die Studienlage zu der Frage ausgewertet, ob Muskelkater durch Antioxidanzien verhindert oder zumindest reduziert werden kann (Ranchordas et al. 2018).

Ursache des Muskelkaters sind meist Mikroverletzungen der Muskulatur (Sarkomer-Einrisse) infolge einer ungewohnt hohen Trainingsbelastung (Hyldahl und Hubal 2014). Bei langanhaltenden Belastungen (z. B. Marathon-Lauf) kann es auch zur vermehrten Freisetzung von Entzündungsmediatoren kommen. Für den früher behaupteten Zusammenhang mit hohen intramuskulären Laktat-Konzentrationen gibt es dagegen keinen Beleg (Böning 2002). Da im Rahmen dieser Gewebeschädigungen auch vermehrt freie Radikale entstehen, wird von interessierter Seite verbreitet, dass radikalfangende Antioxidanzien einem Muskelkater vorbeugen könnten.

Antioxidanzien aus Supplementen und Nahrung

In die Auswertung eingeschlossen waren 50 verschiedene Studien mit insgesamt 1.089 Teilnehmern. 90 % der Teilnehmer waren männlich, die Altersspanne lag zwischen 16 – 55 Jahren. Sämtliche Studien waren placebokontrolliert und (quasi)randomisiert. Erfasst wurden alle zugeführten Antioxidanzien jenseits der üblichen Ernährung, und zwar sowohl in Form von Supplementen als auch über spezielle Lebensmittel.

Zu diesen Lebensmitteln, die aufgrund ihres Antioxidanziengehalts als relevant gewertet wurden, zählten die Studienautoren Zitrusfrüchte, dunkles Obst (Kirschen, Blaubeeren, Trauben), dunkles Gemüse, Nüsse, Tee (grün und schwarz) sowie Olivenöl. Von den Sportlern eingenommene Supplemente enthielten (einzeln oder in Kombination) Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide, Polyphenole, Glutathion, Acetylcystein und Coenzym Q10.

Die Einnahme der Antioxidanzien erfolgte entweder am Trainingstag selbst oder am Tag davor oder danach. Als Muskelkater-auslösende Aktivitäten wurde – je nach Einzelstudie – entweder gerätebasiertes Krafttraining oder Ganzkörpertraining (Laufen, Radfahren, Step-Aerobic) angewendet. Der anschließend auftretende Muskelschmerz wurde in fast allen Studien mittels visueller Analogskala (VAS) erfasst. Um die Vergleichbarkeit sicherzustellen, wurden diese Werte von den Cochrane-Autoren auf eine 10cm-VAS reskaliert. Als klinisch relevant wurde dabei eine Schmerzreduktion definiert, die einer Skalenveränderung von mindenstens 1,4 cm entsprach.

Vorteil für Antioxidanzien?

Tatsächlich zeigte sich ein leichter Trend für weniger Muskelschmerzen nach Anwendung von Antioxidanzien: Zu den Messzeitpunkten 6 – 72 Stunden nach der Trainingsbelastung war die Schmerzintensität bei den Antioxidanzien-Anwendern minimal geringer als in der Placebogruppe. Doch kein Grund, jetzt direkt die nächste Großpackung Supplemente zu bestellen: Die Schmerzreduktion zeigte sich zwar mit einem eindeutigen Trend, doch in keinem Fall war sie so ausgeprägt, dass man von einem „klinisch relevanten Effekt“ (mindestens 1,4 cm Skalenveränderung) sprechen könnte. So betrug die mittlere Schmerzreduktion der Antioxidanzien-Gruppen gem. VAS-Werten im Vergleich zur Placebo-Gruppe zu den unterschiedlichen Messzeitpunkten -0,52 cm (6 h), -0,17 cm (24 h), -0,41 cm (48 h), -0,29 cm (72 h), -0,03 (96 h).

Die Evidenz dieser Ergebnisse ist aufgrund der sehr unterschiedlichen Studien und eines hohen Verzerrungsrisikos laut Cochrane-Autoren lediglich „gering bis mittel“. Nebenwirkungen (Durchfall) wurden vor allem für Supplemente mit Acetylcystein beschrieben.

Antioxidanzien machen keinen relevanten Unterschied

So ist das Fazit der Autoren auch eindeutig: „Die festgestellten Unterschiede in der Schmerz-Intensität sind so gering, dass sie in der Praxis wahrscheinlich keinerlei Unterschied machen.“ Diese Aussage gilt selbst für die höchstdosierten Antioxidanzien.

Und jetzt? Mal wieder gibt es einen guten Grund, Supplemente nicht einzunehmen. Also am besten Trainingsmethoden optimieren oder Schmerz aushalten. Oder antioxidanzienreiches Obst und Gemüse essen – einfach weil es gut schmeckt, auch ohne Muskelkater zu reduzieren.

2 Kommentare

  1. Wie wird denn in diesen Studien der Zustand der Probanden hinsichtlich Zellenergie ATP berücksichtigt? Wenn ich mit niedrigem Energiehaushalt, sprich ATP intracellulär in eine Belastung gehe, auch mit Antioxidansen gefüttert, verhindere ich keinen Muskelkater, der sehr lange anhalten kann. Es gibt die Vermutung in der Sportmedizin, dass der Recycling Zyklus des Laktats zu Pyruvat nicht mehr rund läuft in diesem Fall. Gibt es dazu irgendwelche Erkenntisse?

    1. Das ist in den zugrundeliegenden Studien nicht weiter differenziert worden. Ähnlich wie beim durchschnittlichen Hobbysportler üblich wurde einfach klinisch geschaut, ob sich die unspezifische Einnahme von Antioxidanzien auf den Muskelkaterschmerz auswirkt.

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