Hagebutten bei Arthrose?

Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung, wobei die Knorpelschicht des Gelenks zerstört wird. Die Folge sind teilweise starke Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. In letzter Zeit wird immer häufiger für Hagebuttenpulver als Nahrungsmittel geworben, das Arthrose-Beschwerden lindern soll. Ist da etwas dran?

Frau L. aus Bremen fragte:

„Aufgrund meiner Kniegelenk-Arthrose bin ich seit über zehn Jahren auf Schmerzmittel angewiesen, operieren lassen möchte ich mich nicht. Ist es sinnvoll, Hagebuttenpulver in mein Müsli zu geben, um damit die Schmerzen zu lindern? Kann damit das Fortschreiten der Arthrose vielleicht verlangsamt werden?“

Meine Antwort:

Lange Tradition der Hagebutte in der Volksmedizin

Botanisch handelt es sich bei den allseits bekannten Hagebutten um sog. Sammelnussfrüchte verschiedener Rosen-Arten; im speziellen versteht man darunter die Früchte der Gemeinen Heckenrose/Hundsrose (Rosa canina L.). Der rote Anteil der Hagebutten ist der fleischig gewordene Blütenboden, der die Nüsschen (d. h. die eigentlichen Früchte) umgibt. Der rote Blütenboden (fälschlich meist als „Fruchtfleisch“ bezeichnet) ist reich an Vitamin C, Carotinoiden (v. a. Rubixanthin, Lycopen, β-Carotin), Flavonoiden, Pektin und Fruchtsäuren. Die Samen enthalten Linolsäure und γ-Linolensäure. Charakteristische Mineralstoffe sind Kupfer und Zink.

Hagebutte; hier: Rosa canina var. dumetorum. Aus: Deutschlands Flora in Abbildungen, J. G. Sturm (1796). Gut erkennbar im Querschnitt sind der fleischig gewordene, rote Blütenboden als Pseudofrucht (h) sowie die darin liegenden eigentlichen Früchte, die Nüsschen (i).

Hagebuttenextrakte zeigen aufgrund der enthaltenen Polyphenole unter Laborbedingungen antioxidative Wirkungen (Daels-Rakotoarison et al. 2002)  – was aber genauso für alle vergleichbaren Pflanzenextrakte zutrifft (Yoo et al. 2008). In Tiermodellen wurde für Hagebuttenextrakte wiederholt ein entzündungshemmender Effekt nachgewiesen (Deliorman Orhan et al. 2007).

Die traditionelle pharmazeutische Droge bestand aus den getrockneten Blütenböden mit den darinliegenden Früchten (Cynosbati fructus cum semine); seltener auch aus den reinen Hagebuttenschalen ohne Samen (Rosae pseudofructus).

Volksmedizinisch angewendet wurden die Hagebutten bei verschiedenen Harnwegsbeschwerden, außerdem zur Rheuma- und Gichttherapie. Zur Behandlung der Arthrose wurden Hagebutten nicht gezielt verwendet. In heute noch verwendeten Arzneitee-Mischungen gelten die ggf. enthaltenden Hagebutten bzw. Hagebuttenschalen wegen der nicht belegten Wirksamkeit nicht als Arzneimittel, sondern lediglich als „sonstiger Bestandteil“, der hauptsächlich zur Geschmacksverbesserung beigemischt wird.

Keine Wirksamkeit bei traditionellen Indikationen nachgewiesen

Die Hagebutten-Monographien der für Phytopharmaka zuständigen Kommission E des Bundesinstituts für Arzeimittel und Medizinprodukte (BfArM) konnte in keiner der Monographien zu Hagebutten, Hagebuttenkernen und Hagebuttenschalen irgendeine Wirksamkeit feststellen; auch als Vitamin C-Quelle seien getrocknete Hagebutten-Produkten wenig geeignet, da die in frischen Hagebutten reichlich vorhandene Ascorbinsäure (Vitamin C) bei der Trocknung und Lagerung fast vollständig abgebaut wird. Allerdings werden auch keinerlei Risiken durch die Einnahme von Hagebutten beschrieben. Gravierender Nachteil dieser Hagebutten-Monographien ist, dass sie aus dem Jahr 1990 (!) stammen und daher völlig veraltet sind.

Die Kommission der europäischen Arzneimittelbehörde EMA, die aktuelle und frei zugängliche Monographien zur Beurteilung von Phytopharmaka erstellt (HMPC-Monographien), hat sich mit Hagebutten bislang nicht beschäftigt. Ist die Geschichte der Hagebutten damit zuende erzählt? Nicht ganz…

Außerdem enthalten: Galaktolipide

Im Jahr 2003 wurde in der Hagebutte von einem dänischen Forscherteam eine bis dahin unbekannte, weitere Gruppe von sekundären Pflanzenstoffen entdeckt, die sog. Galaktolipide. Dabei handelt es sich um Verbindungen aus dem Zucker Galaktose und verschiedenen Fettsäuren, die über Glycerin miteinander verbunden sind. Galaktolipide sind thermolabil, d.h. sie zerfallen bereits bei Temperaturen über 40 °C.

Wirkung bei Arthrose?

In verschiedenen kleineren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die entzündungshemmenden Effekte der Hagebutte tatsächlich auf die enthaltenen Galaktolipide zurückzuführen sind (Christensen 2009); außerdem konnten für diese Galaktolipide auch knorpelschützende (chondroprotektive) Wirkungen nachgewiesen werden (Schwager et al. 2011), was diese Substanzen besonders für die Anwendung bei Arthrose interessant macht.

Allerdings muss man wissen, dass eben diese Galaktolipide gar keine Besonderheit der Hagebutte sind; sie finden sich in ähnlich hohen Konzentrationen ebenfalls in zahlreichen anderen pflanzlichen Lebensmitteln, so z. B. in Bohnen, Erbsen, Kohl, Spinat, Spargel, Brokkoli oder Kürbis.

Klinische Studien mit Hagebuttenextrakt

Inzwischen gibt es sogar mehrere randomisiert-kontrollierte Studien, die die Wirksamkeit von Hagebutten bei Arthrose (engl. Osteoarthritis) untersucht haben. Dabei muss berücksichtigt werden, dass in allen Studien ein standardisierter Hagebuttenextrakt verwendet wurde; die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die getrockneten Schalen bzw. das Hagebuttenpulver ist somit fraglich.

In der ersten randomisiert-kontrollierten, doppelblinden Studie (Warholm et al. 2003) an 100 Patienten mit Knie und-/oder Hüftearthrose erhielten die Teilnehmer vier Monate lang entweder 5 g Hagebutten-Extrakt pro Tag oder Placebo. Am Ende der Untersuchung hatten die Patienten der Hagebuttenextrakt-Gruppe signifikant weniger Schmerzen als die Patienten der Placebo-Gruppe.

Eine zweite, ebenfalls randomisiert-kontrollierte, doppelblinde Studie (Rein et al. 2004) mit 112 Arthrose-Patienten bestätigte diese Ergebnisse durch – im Vergleich zu Placebo – signifikant reduzierter Schmerzintensität und geringerer Gelenksteifigkeit. So kam es in 66 % der Patienten mit Hagebuttenextrakt zu einer Schmerzreduktion, jedoch nur bei 36 % der Patienten der Placebo-Gruppe. Allerdings weist diese Studie einige methodische Schwächen auf.

Auch eine dritte, ähnlich konzipierte Studie zeigte vergleichbare Ergebnisse (Winther et al. 2005). Dabei konnte auch gezeigt werden, dass die Anwendung des Hagebuttenextrakts bei den Arthrose-Patienten zur Reduktion der Schmerzmedikation führte – was aus pharmakotherapeutischer Sicht ein Erfolg ist.

In diesen drei Studien wurden stets identische Dosierungen (5 g Hagebutten-Extrakt pro Tag über 3 Monate) verwendet; Nebenwirkungen traten offenbar nicht auf.

Ergebnisse mit Einschränkungen

Keine der Studien liefert neben der (selbstverständlich wünschenswerten) Schmerzreduktion Hinweise auf eine knorpelschützende oder das Fortschreiten der Arthrose bremsende Wirkung. Ebenso fehlen Untersuchungen zur optimalen Dosierung sowie Langzeitdaten zur Wirksamkeit und Sicherheit. Vor allem aber gibt es keine Informationen dazu, ob sich die Ergebnisse eines spezifischen Hagebuttenextrakts (in den Studien in Kapselform) auf den Verzehr von getrockneten Hagebuttenschalen oder von Hagebuttenpulver übertragen lassen.

Fazit: Möglicherweise wirksam zur Schmerzreduktion

Die wenigen Studien an Menschen, die zudem einige methodische Mängel aufweisen, deuten darauf hin, dass Hagebuttenextrakt in der verwendeten Dosierung einen schmerzreduzierenden und antientzündlichen Effekt bei Arthrose haben könnte. Die Evidenz der entsprechenden Anwendung ist wegen der mäßigen Studienqualität nur gering.

Diese Einschätzung wird auch von den Autoren eines neueren Cochrane-Reviews geteilt, in dem die Studienlage für verschiedene Phytopharmaka zur Anwendung bei Arthrose umfassend dargestellt und bewertet wird (Cameron & Chrubasik 2014). Die beste Evidenz für eine zumindest geringfügige Schmerzreduktion bei Arthrose sehen die Autoren übrigens für Weihrauch-Extrakt (Boswellia serrata), gefolgt von mäßiger Evidenz für eine Zubereitung aus Avocado/Sojabohnen.

Das heißt: Es gibt zwar einige Hinweise für die schmerzreduzierende und entzündungshemmende Wirkung von Hagebuttenextrakten bei Arthrose; besser ist die Studienlage aber für Weihrauch-Extrakt und Avocado/Sojabohnen.

Aufgrund der genannten Einschränkungen kann mal also nicht sagen, ob Hagebuttenpulver als Bestandteil von Müsli (oder sonstigen Mahlzeiten) Arthrose-Schmerzen lindert oder gar das Fortschreiten der Arthrose verlangsamt. Angesichts der verfügbaren Daten erscheint der Verzehr entsprechender Produkte aber als unkritisch, und es spricht sicher nichts gegen die versuchsweise Anwendung von Hagebutten-Produkten. Selbst wenn damit eine geringfügige Einsparung von Schmerzmitteln erreicht werden kann, ist schon ein therapeutischer Vorteil erzielt. Im Falle von Supplementen wäre die Einnahme von Weihrauch-Kapseln vermutlich sinnvoller.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.