Vegane Ernährung ist Ideologie?

In der Ärzte Zeitung wurde am 8. Januar ein Beitrag mit folgendem Titel veröffentlicht: „Vegane Kost als Ersatzreligion – Radikalisierung der Ernährung schreitet munter voran“. Über die Qualität und Differenziertheit dieses Beitrags kann sich jeder hier selbst ein Urteil bilden. Grundtenor des Textes ist es, dass die zunehmende Verbreitung der veganen Ernährung als „Trend zur Ideologisierung wenn nicht gar Radikalisierung“ dargestellt wird.

Direkt nach dem Erscheinen habe ich diesen Beitrag über die Kommentarfunktion der Ärzte Zeitung kommentiert. Leider hat sich die Online-Redaktion jedoch entschieden, meinen Kommentar nicht zu veröffentlichen (zu „radikal“?). Deshalb teile ich den Kommentar zum Thema „Vegane Ernährung ist Ideologie?“ hier noch einmal und hoffe auf eine rege Diskussion.

Kommentar

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die fraglichen gesundheitlichen Vorteile oder Risiken der veganen Ernährung oder auf andere ernährungsmedizinische und ernährungswissenschaftliche Aspekte eingehen – denn auch im Beitrag der Ärzte Zeitung stehen diese Aspekte nicht im Vordergrund. Es geht um die aberwitzige und von interessierter Seite stets wiederholte Bezeichnung der veganen Ernährung als „Ideologie“.

Der Missbrauch des Begriffs „Ideologie“ ist in der Politik gang und gäbe; in medizinischem und erst recht in wissenschaftlichem Kontext sollte man sich jedoch auf einer redlichen Sachebene bewegen, die solche Dinge nicht nötig hat.

Vegane Ernährung: Was ist Ideologie?

Jeder, der gegen die vegane Ernährung den Begriff „Ideologie“ anführt, sollte einmal kurz überlegen, was damit überhaupt gemeint ist. Laut Duden bezeichnet Ideologie ein „System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“. Was wird damit auf den ersten Blick klar? Veganismus ist tatsächlich eine Ideologie. Doch auch die Auffassung, es wäre moralisch vertretbar, Tiere zu töten und zu essen, ist genau das – eine Ideologie („Karnismus„). Schließlich liegt der nicht-veganen, nicht-vegetarischen oder sonst irgendeiner Form der Ernährung ebenfalls ein „System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“ zugrunde, das dieses entsprechende Ernährungs- und Konsumverhalten rechtfertigt – also als positiv wertet.

Damit ist es vollkommener Unsinn, Menschen mit anderen Wertvorstellungen vorzuwerfen, sie wären „ideologisch“. In der Politik ist diese Unsitte an der Tagesordnung, obwohl es auch dort nichts weniger als rhetorische Propaganda ist – Feminismus ist genauso eine Ideologie wie Demokratie, Stalinismus oder Rassismus. Ideologie hat keine Moral.

In politischem Kontext mag man in Bezug auf diese Unredlichkeit vollkommen abgestumpft sein. Doch wenn es um wissenschafliche Diskussionen geht, sollte man doch ein Mindestmaß an argumentativer Redlichkeit walten lassen – und dazu gehört eindeutig, Menschen mit anderen Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen nicht als „ideologisch“ zu verunglimpfen. Es gibt genug medizinische und ernährungswissenschaftliche Aspekte der veganen Ernährung, über die man auf der Sachebene diskutieren kann. Das sollte auch der Ärzte Zeitung klar sein.

Vegane Ernährung: Was ist radikal?

Auf den zweiten, im Beitrag vorgebrachten Vorwurf der „Radikalität“ will ich hier erst gar nicht näher eingehen. Die Duden-Definition von „radikal“ lautet: „mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend“. Der Autor möge doch bitte einmal für eine einzige Stunde ein veganes Restaurant besuchen – und anschließend für eine Stunde einen deutschen Schlachthof. Mich würde sehr interessieren, welche Eindrücke für ihn dann die „radikalen“ sind.

Ich selbst bin der Letzte, der sich einer sachlichen Diskussion über verschiedene Ernährungsformen verweigert. Aber ausgerecht veganen Ernährungskonzepten die schon ethymologisch unsinnigen Vorwürfe von Ideologie und Radikalität zu machen, ist eine intellektuelle Schande.

6 Kommentare

  1. Wissenschaftlich – wertneutral ist mir der Artikel auch nicht vorgekommen. Die zitierte schwangere Veganistin hat vielleicht in der Sprechstunde den Prof. schockiert und sich anschließend mit B-Vitaminen versorgt – die Szene ist nichts, was verallgemeinert werden kann.
    Hat nicht jede Religion Ernährungsvorschriften? Dann ist es kein Wunder, wenn man bei Ernährungsregeln an Religion denkt – aber da hat jeder seine Regeln, geschriebene und ungeschriebene.
    Mir scheint, es wird ein Feindbild im Ernährungssektor gebraucht, um von der allgemeinen Misere dort abzulenken: Artenschwund, Klimawandel, untätige und das Unheil forcierende „Regierung“.

    1. Selbst wenn man über ernährungsmedizinisch relevante Aspekte der veganen Ernährung diskutieren würde (was man auf sachlicher Basis durchaus tun kann) – dieses mediale „Veganer-Bashing“ verkennt die ernährungsmedizinischen Realitäten in Deutschland. Sicherlich gibt es einige Veganer/innen, die bei bestimmmten Nährstoffen unterversorgt sind. Aber dem stehen in Deutschland Millionen Nicht-Veganer und Nicht-Vegetarier gegenüber, die an eindeutig ernährungsbedingten Erkrankungen leiden. Die Unterscheidung zwischen Mischkost (= nicht gesundheitsgefährlich) und vegan (= gesundheitsgefährlich) ist Unsinn. Mischköstler können sich sehr gesund oder sehr ungesund ernähren, und das gleiche gilt für Veganer. Da ist gerade der Vorwurf der Ideologie an die Adresse der Veganer/innen nichts Anderes als unseriöse Stimmungsmache.

  2. Ich möchte im folgenden auf die Unsinnigkeiten des Artikels nicht näher eingehen. In meinen Augen sind noch weitere Verbindungen, beispielsweise zum Thema Essstörung, nicht haltbar.
    Für mich verharmlost der Rückschluss Ihres Kommentars die Art, in der die derzeitigen Ernährungsdebatten (speziell die Debatten um unterschiedliche Ernährungsformen gesunder Menschen) geführt werden.
    Ich teile Ihre Ansicht, dass die vegan Ernährungsweise, wie der „Karnismus“ ideologische Systeme darstellen. Die Begriffsdefinition des Dudens reicht jedoch nicht aus um den Begriff „Ideologie“ in seinen Bedeutungsdimensionen zu erfassen. Ich möchte das in diesem Kommentar auch nicht umfassend aufarbeiten.
    Althusser, ein französischer Philosoph, der sich an der Bestimmung des Begriffs Ideologie beteiligte (Althusser nach Daniel 1981) formuliert „die Unterwerfung des Subjekts“ gegenüber den ideologischen Ideen als Merkmal und greift den Dualismus von Ideologie und Wissenschaft auf.
    Kurzum: Selbstverständlich können wir beiden Seiten vorwerfen ihre Argumente wären ideologisch besetzt, was nichts anderes bedeutet, dass Sie aus dem Wertesystem heraus entstanden und unabdingbar vertreten werden. Und genau da sind wir, meiner Meinung nach, am Knackpunkt der derzeitigen Debatten.
    Wir haben die sachliche Ebene verlassen. Im Rahmen dieser Debatten wird nur aus der Sicht der unterschiedlichen Ideologien heraus argumentiert. Argumente, vermeintliche Fakten, die nicht zu dieser Ideologie passen, werden rhetorisch vernichtet.
    Ich wünsche mir, dass dieser Dogmatismus (i.S.d. moderne Verwendung) aus den Diskussionen nach und nach entweicht und sich durch die Geringschätzung Andersgläubiger, Verzeihung ich meine Anders-Ernährender, Einzelne erheben. Dann kann auch der inflationäre und unreflektierte Gebrauch, da bin ich ganz bei Ihnen, von Begriffen wie „Ideologie“, „Radikalität“ und weiteren eingeschränkt werden.

    1. Lieber Herr Grotjahn,
      Sie haben sicherlich Recht, dass die Begriffsdefinition des Dudens nicht sämtliche Bedeutungsdimensionen von „Ideologie“ umfasst. Dies gilt inbesondere für jene Aspekte, die sich eher in der politischen Philosophie bzw. der marxistischen Tradition verorten lassen. Ich habe mich in meinem Kommentar trotzdem auf die allgemeinsprachliche Duden-Definition beschränkt, da ich mir sicher bin, dass auch in jenen Diskussionen zu ernährungsmedizinischen Themen, bei denen (wie hier) der Kampfbegriff „Ideologie“ ohne jegliche inhaltliche Reflexion benutzt wird, die politikphilosophischen Bedeutungsdimensionen ohnehin außer acht gelassen werden.
      Wie Sie richtig sagen, haben gerade im Zusammenhang mit der veganen Ernährung viele Diskutanten die sachliche Ebene mehr oder minder dauerhaft verlassen. Genau deshalb sehe ich es als Aufgabe der Wissenschaft, an dieser Stelle an diskursive Redlichkeit zu erinnern und auf den Boden der Sachargumente zurückzuführen. Denn wir wollen uns ja – frei nach Kant – weder Feigheit noch Faulheit vorwerfen lassen.

  3. Sehr geehrter Herr Prof. Smollich,

    Ich bin über das aktuelle Programm der Interpharm und Ihrer geplanten Präsentation zur veganen Ernährung zu Ihrem Blog gelangt. Zu meinem Glück ist der Blog noch recht jung, weswegen ich schnell so gut wie alle Beiträge abarbeiten konnte. Nun muss ich an der Stelle ein Lob dalassen – ganz speziell im Hinblick auf diesen Beitrag zur Diskussionskultur.
    Danke für Ihr Engagement! Ich freue mich auf weitere Beiträge.

    P.S. Wird es eine Möglichkeit geben Ihre Interpharm-Präsentation -in welcher Form auch immer- später online einzusehen?

    1. Vielen Dank für diese positive Rückmeldung! Es freut mich sehr, wenn Ihnen die Blogbeiträge gefallen.
      Das Skript zu meinem Vortrag auf der Interpharm 2018 „Vegane und vegetarische Ernährung: Welche Supplemente sind sinnvoll?“ wird es direkt im Anschluss hier auf dem Blog geben – zum freien Download natürlich. Viel Freude damit!

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