Neu erschienen: „Kachexie bei Tumorerkrankungen“

Die Kachexie als multifaktorielles Syndrom des ungewollten Gewichtsverlusts spielt bei vielen Tumorerkrankungen eine herausragende Rolle für die Prognose und Lebensqualität der Patienten. Ein aktuell erschienener Leitfaden, der sich an Praktiker richtet, fasst die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und diskutiert verfügbare Therapieansätze.

Entscheidungshilfen für den Alltag

Der vorliegende Band des Autorenteams von Jann Arends (Freiburg), David Blum (Hamburg), Ulrich Hacker (Leipzig) und Stephan von Haehling (Göttingen) fasst auf 140 Seiten den aktuellen Wissenstand zum Thema Tumorkachexie komprimiert und praxisnah zusammen. Das Buch erhebt den Anspruch, ein „klinischer Leitfaden“ zu sein, der sich als Entscheidungshilfe im Stationsalltag und in der Praxis eignet. Diesem Anspruch werden die Autoren durchgehend gerecht – und zwar erfreulicherweise, ohne dabei Abstriche an der wissenschaftlichen Fundierung zu machen. Die Inhalte berücksichtigen stets den aktuellen Forschungsstand, und die vorgeschlagenen Algorithmen bzw. Therapieansätze werden schlüssig aus der Studienlage begründet. Deutlich wird der wissenschaftliche Anspruch auch an einem ausführlichen Literaturverzeichnis (ca. 230 Quellen), das auf die maßgebliche Primärliteratur verweist.

Klare Gliederung, hilfreiche Grafiken

In den ersten Kapiteln beschäftigen sich die Autoren mit den Grundlagen der Tumorkachexie, um nach Schilderung zweier Praxisbeispiele zur multimodalen Kachexie-Therapie mit Ernährungstherapie, körperlicher Aktivität und Pharmakotherapie zu kommen. Besonders hilfreich sind die prägnante Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels und die Verwendung farbiger, übersichtlicher Grafiken.

  • Tumorkachexie: Definition, Epidemiologie und Verlauf: Die grundlegende Problematik der Tumorkachexie-Definition wird diskutiert, um anschließend auf die Konsensus-basierte Definition nach Fearon zu fokussieren. Besonders geglückt ist in diesem Kapitel der Vorschlag eines diagnostischen Algorithmus bei Tumorkachexie, ebenso wie der Vorschlag von Parametern zur diagnostischen Abgrenzung der unterschiedlichen Kachexie-Stadien (Präkachexie, Kachexie, refraktäre Kachexie).
  • Pathophysiologie der Tumorkachexie: Die zugrundeliegende Pathophysiologie wird prägnant zusammengefasst. Auf Details wird hier zugunsten von Übersichtlichkeit und klinischer Orientierung verzichtet. Als grundlegende Einführung in die komplexen pathophysiologischen Zusammenhänge ist das Buch damit sicherlich weniger geeignet; aber das war ja auch nicht das Konzept der Autoren.
  • Auswirkungen der Kachexie aus medizinischer Sicht: In diesem Kapitel werden die ernährungsrelevanten Symptome kurz zusammengefasst, wobei auch auf die immer wichtiger werdenden Aspekte der sarkopenen Adipositas bei Tumorpatienten eingegangen wird.
  • Erfassung und Klassifikation von Kachexie: Dem „Nicht-Übersehen“ und der korrekten diagnostischen Erfassung der Tumorkachexie wird ausreichend Raum gegeben. Besonders sinnvoll ist dabei die vergleichende Darstellung der unterschiedlichen Screening-Instrumente zur Erfassung von Mangelernährung hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit zur Erfassung der Tumorkachexie (PG-SGA, MNA, MST, MUST, NRS 02). Die Autoren schlagen auch hier einen sehr guten, eigenen Algorithmus zur Erfassung der Tumorkachexie vor. Das dabei skizzierte, stufenweise Vorgehen könnte im Hinblick auf die Zielgruppe („Praktiker“) jedoch gerne noch detaillierter ausfallen.
  • Fälle aus der Praxis: In diesem Kapitel werden jeweils zwei Fälle aus der Gastroenterologie (rezidivierendes Pankreaskarzinom, Adenokarzinom des gastroösophagealen Übergangs) und der Pneumologie (Lungenkarzinom mit langsamer bzw. schneller Wachstumsdynamik) vorgestellt. Die Darstellung und Diskussion der erfolgten (bzw. nicht erfolgten) Ernährungsinterventionen bleibt leider etwas knapp.
  • Multimodale Therapie bei Tumorkachexie. Hierbei handelt es sich im Prinzip um eine kurze Einführung in die drei folgenden Kapitel, die dann die verschiedenen Facetten der multimodalen Therapie näher erläutern. Mögliche Störfaktoren, die das Ernährungsverhalten ungünstig beeinflussen können, werden kurz dargestellt. An dieser Stelle wäre es für die klinische Praxis hilfreich, eine Übersicht mit Arzneimitteln (inkl. therapeutischer Alternativen) zur Verfügung zu stellen, deren unerwünschte Wirkungen sich indirekt nachteilig auf die Tumorkachexie auswirken können. Durch eine qualifizierte Medikationsanalyse insbesondere der nicht-onkologischen Medikation kann im Einzelfall häufig verhindert werden, dass sich der Ernährungszustand des Patienten durch unerwünschte Wirkungen der Begleitmedikation (Dyseusien, Xerostomie, Obstipation, Diarrhö, Übelkeit, Appetitminderung u.v.a.m.) weiter verschlechtert.
  • Ernährungstherapie bei Tumorkachexie: Die leitliniengerechten Therapieziele und -konzepte werden übersichtlich zusammengefasst. Die Statements zu „Krebsdiäten“ sind ebenso zutreffend wie zur Mikronährstoffversorgung. Die Diskussion des letztgenannten Aspekts hätte noch Ausbaupotenzial, da hier auf die (durchaus widersprüchliche) Studienlage zu Einzelsubstanzen (z. B. L-Carnitin, Omega-3-Fettsäuren, einzelne Aminosäuren) nicht eingegangen wird.
  • Körperliche Aktivität bei Kachexie: Erfreulich ausführlich wird dagegen die Bedeutung der körperlichen Aktivität im Rahmen des multimodalen Therapiekonzepts erläutert; dabei wird die aktuelle Studienlage umfassend einbezogen und konsequent in Praxisempfehlungen übersetzt.
  • Pharmakologische Therapie der Kachexie: Aus pharmakologischer Perspektive ist die Kachexie-Therapie eine eher trostlose Angelegenheit, gibt es doch noch immer keine medikamentösen Ansätze, die tatsächlich erfolgversprechend wären. Das zeigt sich auch in der ausführlich vorgenommenen Diskussion der Studienlage zum Ghrelin-Rezeptor-Agonist Anamorelin. Während im Buch noch darauf verwiesen wird, dass die finale Bewertung der europäischen Arzneimittelagentur zur Zulassung von Anamorelin aussteht, ist diese Bewertung inzwischen (September 2017) erfolgt: Die europäische Zulassung wurde abgelehnt, weil die nachgewiesenen Effekte auf die Muskelmasse allenfalls marginal sind und es keinen Effekt auf die Handgreifkraft oder die Lebensqualität der Patienten gibt. Die Buchautoren bewerten Anamorelin dagegen positiver. Weitere in der Entwicklung befindliche pharmakologische Therapieansätze werden kurz vorgestellt (selektive Androgen-Rezeptor-Modulatoren, Myostatin-Inhibitoren, Betablocker). Die klinisch verfügbaren pharmakologischen Optionen (Dexamethason, Dronabinol, Megestrolacetat, Mirtazapin) werden tabellarisch gegenübergestellt. Hier wäre für die Leser eine substanzspezifische Diskussion/Einordnung nicht nur der Gewichtszunahme, sondern vor allem auch der Effekte auf die Lebensqualität hilfreich.

Leitfaden zur Kachexie bei Tumorerkrankungen

Dem Anspruch des klinischen Leitfadens auf aktueller wissenschaftlicher Basis wird das Buch durchgehend gerecht. Gemäß Titel fokussieren die Autoren auf die Tumorkachexie; eine umfassende Darstellung der Ernährung in der Onkologie (z. B. bei Mukositis, Immunsuppression usw.) ist daher nicht beabsichtigt und muss an anderer Stelle gesucht werden.

Erwartungsgemäß fehlerlos sind grafische Gestaltung, Quellenverzeichnis und Rechtschreibung, was der Lesbarkeit sehr zugute kommt. Die breiten Seitenränder können im Alltag für eigene Anmerkungen genutzt werden. Einziger Wermutstropfen im Layout sind die vorhandenen „Schmuckbilder“, die in einem an Fachkräfte gerichteten Buch eigentlich überflüssig sind.

Wünschenswert wäre an der einen oder anderen Stelle eine etwas detaillierte Darstellung, wodurch die vorgeschlagenen Algorithmen zusätzlich aufgewertet werden würden, ohne der Prägnanz des Buches Abbruch zu tun. So wird beispielsweise im Abschnitt „Kostanreicherung“ auf „Broschüren“ zum Einsatz von Nährsupplementen verwiesen, ohne auf die geeigneten Publikationen zu verlinken oder – besser noch – selbst diese Inhalte in Kurzform bereitzustellen.

Insgesamt liefert der Titel damit eine komprimierte und klinisch orientierte Zusammenfassung zum Thema „Tumorkachexie“. Mit kleineren, leicht vorzunehmenden Erweiterungen in der nächsten Auflage dürfte sich der Titel wohl völlig zurecht als das deutschsprachige Praxisbuch zur Therapie der Tumorkachexie etablieren.

Von Haehling/Arends/Blum/Hacker „Kachexie bei Tumorerkrankungen. Erkennen und multimodal behandeln“, Taschenbuch, 140 Seiten, 1. Auflage, SpringerMedizin 2017. 19,99 EUR.

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