Mit Nährstoffdrinks gegen Alzheimer? Schön wär’s.

Kann ein bereits jetzt in Apotheken erhältlicher Nährstoffdrink mit Multivitaminen und Omega-3-Fettsäuren die Alzheimer-Krankheit verhindern oder ihr Fortschreiten zumindest verlangsamen? Das sind sicherlich für Millionen Menschen sehr gravierende Fragen. Antworten darauf liefern die aktuell publizierten Ergebnisse der LipiDiDiet-Studie.

Die LipiDiDiet-Studie – was wurde untersucht?

Die Ergebnisse der von der Europäischen Union finanzierten LipiDiDiet-Studie wurden jüngst in Lancet Neurology veröffentlicht (Soininen et al. 2017). Daran nahmen europaweit elf Kliniken mit insgesamt 311 Probanden teil, von denen alle zu Studienbeginn eine sehr frühe Vorstufe der Alzheimer-Demenz zeigten. Während eine Hälfte der Teilnehmer über zwei Jahre die Nährstoffkombination Fortasyn Connect (Zusammensetzung s. Tabelle) in Form eines täglichen Trinkjoghurts erhielt, nahm die andere Hälfte der Teilnehmer einen Placebo-Joghurt zu sich, der keine Substanzen des Prüfpräparates enthielt, mit diesem aber in Geschmack, Konsistenz und Farbe identisch war. Der verwendete Nährstoffdrink wird seit Jahren von der Firma Nutricia vertrieben (Souvenaid®) und mit dem Marketing-Slogan „Medizinische Ernährung zur diätetischen Behandlung der Alzheimer-Krankheit im Frühstadium“ beworben.

Der entscheidende Parameter, der nach Ende der Studie verglichen wurde (der sog. primäre Endpunkt), waren die Ergebnisse neuropsychologischer Tests. Dabei mussten die Probanden sich beispielsweise zehn Wörter merken oder innerhalb einer bestimmten Zeit möglichst viele Wörter der Kategorie „Tier“ nennen. Daneben wurden sieben weitere, sog. sekundäre Endpunkte erfasst.

Das Ergebnis: keine Wirkung

Nach zwei Jahren Studienlaufzeit gab es für den primären Endpunkt der Studie, das Ergebnis der neuropsychologischen Tests, keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Probanden der Nährstoffdrink-Gruppe und den Probanden der Placebo-Gruppe. Übereinstimmend mit den Ergebnissen früherer Studien liefert damit auch die aktuelle LipiDiDiet-Studie keine Evidenz dafür, dass die Anwendung des als Souvanaid® vermarkteten Nährstoffdrinks bei Alzheimer-Vorstufen oder leichten Alzheimer-Formen wirksam wäre. So weit, so eindeutig. Doch was ist eigentlich die Idee hinter diesem Nährstoffdrink-Konzept?

Idee der Studie

Die (Marketing)Idee des getesteten Produkts besteht darin, dem Körper jene Substrate zur Verfügung zu stellen, die für die Bildung von Synapsen im menschlichen Gehirn erforderlich sind; damit soll (theoretisch) erreicht werden, dass sich das Fortschreiten einer Alzheimer-Demenz verlangsamt. Fortasyn Connect enthält daher die beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), diverse Mikronährstoffe in ernährungsüblichen Dosierungen sowie physiologische Bausteine von Zellmembranen und Synapsen (Phospholipide, Cholin, Uridinmonophosphat).

In der Vergangenheit wurden mit diesem Produkt bereits drei randomisiert-kontrollierte Studien durchgeführt: Souvenir I, Souvenir II und S-connect. Während in den beiden älteren und kleineren Souvenir-Studien für einzelne Endpunkte Hinweise auf positive Effekte gezeigt werden konnten, konnte die aktuellste und größte Studie (S-connect) nicht einmal diese Effekte bestätigen. Als Erklärung  wurde postuliert, dass bei den in diesen Studien eingeschlossenen Patienten die Alzheimer-Erkrankung schon zu weit fortgeschritten war, um noch präventive/progressionshemmende Effekte erzielen zu können. Deshalb wurde in der aktuellen LipiDiDiet-Studie der Nährstoffdrink an Probanden getestet, die noch gar nicht an der Alzheimer-Krankheit erkrankt waren, sondern die lediglich eine Vorstufe für die zukünftige Entwicklung einer Alzheimer-Demenz aufwiesen (IWG-1-Kriterien).

Die Ergebnisse im Detail

Beim entscheidenden primären Endpunkt, den Testergebnissen der sog. neuropsychologischen Testbatterien (NTB), mit denen unterschiedliche Aspekte der kognitiven Funktion getestet werden, gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Interventions- und Placebo-Gruppe. Und lediglich bei zwei der sieben sekundären Endpunkte schnitten die Probanden der Nährstoffdrink-Gruppe besser ab als jene der Placebo-Gruppe.

Einer dieser beiden sekundären Endpunkte war die sog. „Clinical Dementia Rating-Sum of Boxes“, was im Prinzip die Einschätzung des Demenz-Schweregrades durch die behandelnden Ärzte beinhaltet. Diese Einschätzung beruht auf der Beurteilung der Fähigkeit, Aufgaben des täglichen Lebens selbstständig zu lösen, also z. B. mit Notfällen im Haushalt umzugehen oder selbständig Einkäufe zu erledigen. Hierbei handelt es sich also offensichtlich um einen klinisch relevanten Endpunkt.

Der zweite sekundäre Endpunkt mit signifikantem Vorteil in der Nährstoffdrink-Gruppe betraf das MRT-bestimmte Volumen des Hippocampus als neurologisches Korrelat für die Gedächtnisfunktion; hier war die Hirnatrophie in der Interventionsgruppe um 26 % geringer als in der Placebo-Gruppe. Dieser Aspekt ist neurologisch sicherlich interessant, spielt aber für die Lebensqualität von Patienten primär keine direkte Rolle.

Was heißt das?

Das hier verwendete Produkt wird in Deutschland mit der irreführenden Aussagen vermarktet, die eine tatsächliche Wirksamkeit zur Therapie der Alzheimer-Krankheit suggerieren – was angesichts der Studienlage überaus fragwürdig ist. Denn während die genannten älteren Studien nur vereinzelte bzw. gar keine Effekte bei frühen/milden Alzheimer-Formen zeigten, dokumentieren die aktuellen Ergebnisse die LipiDiDiet-Studie, dass diese Nährstoffdrink selbst bei Vorformen der Alzheimer-Krankheit nicht wirksam ist – von einem einzigen alltagsrelevanten, sekundären Endpunkt abgesehen.

Werbeaussagen auf der Souvenaid®-Homepage: durch die aktuellen Studienergebnisse zum wiederholten Male widerlegt. Screenshot von www.souvenaid.de am 25.11.2017.

Mit am wichtigsten für Menschen mit Alzheimer-Vorformen dürfte die Frage sein, ob die Intervention dazu geeignet ist, die Manifestation der Alzheimer-Krankheit zu verhindern – und auch hier enttäuschte der Nährstoffdrink in der LipiDiDiet-Studie: Während bei 37 % der Menschen aus der Placebo-Gruppe innerhalb von zwei Jahren Alzheimer diagnostiziert wurde, waren es in der Interventions-Gruppe sogar 41 %. Wenn man aus den früheren Studien also die Hypothese abgeleitet hatte, dass das Präparat nur deshalb nicht wirkt, weil es zu spät eingesetzt wurde, dann muss man anhand der aktuellen Daten konstatieren: Selbst der frühere Einsatz verhindert die Progression zur manifesten Alzheimer-Krankheit nicht.

Was man zur Demenz-Prävention nicht tun sollte

Wer Sorge davor hat, an Alzheimer zu erkranken oder wer bei sich selbst oder bei Angehörigen nachlassende Gedächtnisleistungen feststellt, sollte definitiv nicht zu dem getesteten Produkt greifen; gleiches gilt für Alzheimer-Patienten oder Menschen mit Alzheimer-Vorstufen. Offensichtlich ist das Produkt zwar gut verträglich, aber unwirksam und sicherlich nicht günstig (ca. 110 EUR/Monat). Die Entstehung oder Progression der Alzheimer-Krankheit mit einem täglichen Nährstoffdrink aufhalten – das ist nicht mehr als eine schöne Idee. Ebenfalls unwirksam zur Demenz-Prävention sind übrigens auch Statine, niedrig dosierte Acetylsalicylsäure, Ginkgo-Präparate oder regelmäßiger Alkoholkonsum.

Es gibt wirksame Möglichkeiten der Prävention

Tatsächlich gibt es wirksame Möglichkeiten, um das Risiko für die Entstehung einer (Alzheimer)Demenz zu reduzieren. Aktuelle Daten betonen vor allem die Relevanz kardiovaskulärer Risikofaktoren im mittleren Lebensalter als wichtige modifizierbare Einflussgröße für die Demenz-Entstehung. Beeinflussbare Risikofaktoren sind insbesondere Tabakrauch, Bluthochdruck, Diabetes, Hyperlipidämie und Adipositas (S3-Leitlinie Demenzen 2016).

Günstige Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter haben die sog. Mediterrane Ernährung sowie ein aktiver Lebensstil mit körperlicher Bewegung und geistig-sozialen Aktivitäten. Besonders wirksam ist eine Demenz-Prävention, wenn diese Ansätze mit einander kombiniert und bereits im mittleren Lebensalter umgesetzt werden (FINGER-Studie). Das ist nicht nur wirksamer als ein Nährstoffdrink, sondern spart Geld, macht Spaß und hält auch anderweitig fit.

Soweit die ziemlich eindeutige Studienlage. Eine ganz andere Frage ist allerdings, weshalb in Deutschland ein offensichtlich unwirksamer Nährstoffdrink noch immer mit dem Slogan „Zur diätetischen Behandlung der Alzheimer-Krankheit“ beworben werden darf.

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