Lungenkrebs durch B-Vitamine?

Noch immer sehen viele Menschen die präventive Einnahme wasserlöslicher B-Vitamine als grundsätzlich unkritisch an, da sie „praktisch nicht überdosierbar“ seien. Dabei könnte es sich um einen fatalen Irrtum handeln: Hochdosiertes Vitamin B6 und Vitamin B12 könnten das Lungenkrebs-Risiko stark erhöhen – und zwar auch für Nichtraucher.

Studie untersucht Zusammenhänge zwischen Vitaminpräparaten und Krebs

In den meisten Diskussion über Sinn und Unsinn von Vitamin-Supplementen fällt früher oder später dieser Satz: „Zumindest schaden sie nicht.“ Besonders häufig wird diese Aussage im Zusammenhang mit wasserlöslichen Vitaminen gemacht, da diese ja bei beliebig hoher Zufuhr vermeintlich „einfach wieder ausgeschieden werden“. An diesem pauschalen Freispruch für hochdosierte B-Vitamine gibt es jetzt substanzielle Zweifel.

Die Studienergebnisse aus der Arbeitsgruppe von Theodore Brasky von der Ohio State University, die jetzt im Journal of Clinical Oncology publiziert wurden (Brasky et al. 2017), sollten insbesondere die Vertreter der sog. Orthomolekularen Medizin aufhorchen lassen: Die Wissenschaftler haben in ihrer Beobachtungsstudie (im Rahmen der VITAL-Kohorte) die Daten von über 77.000 Männern und Frauen analysiert. Diese seit 15 Jahren laufende Studie untersucht mögliche Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Vitaminpräparaten und Krebserkrankungen. Neben der Einnahme von Supplementen wurden auch anthropometrische Daten, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten sowie die Krankengeschichten der Studienteilnehmer erfasst.

Hochdosierte B-Vitamine: deutlich erhöhtes Lungenkrebsrisiko

Die nun publizierten Daten zeigen: Unter der Einnahme isolierter, hochdosierter Supplemente mit Vitamin B6 (Pyridoxin, 20 mg/Tag) oder Vitamin B12 (Cobalamin, 55 µg/Tag) erhöhte sich das Lungenkrebsrisiko bei Männern um 30 bis 40% – und zwar bei Nicht-Rauchern. Unter einer langfristigen Einnahme (> 10 Jahre) war das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, nahezu verdoppelt. Noch gravierender war die Risikoerhöhung für aktuelle oder ehemalige Raucher: Ihr Lungenkrebsrisiko wurde durch die Vitamine verdreifacht (Vitamin B6) bzw. sogar vervierfacht (Vitamin B12).

Besondere Vorsicht bei hochdosierten Einzelvitaminen

Diese Ergebnisse zeigen bei detaillierter Analyse interessante Details: So zeigte sich keine signifikante Risikoerhöhung bei der Einnahme von Multivitaminpräparaten, was mit den verwendeten Dosierungen, aber auch (wahrscheinlicher) mit dem Zusammenspiel der Einzelkomponenten zu tun haben könnte. Schon länger ist bekannt, dass eigentlich antioxidative Vitamine prooxidativ wirken können, wenn sie isoliert in hoher Dosierung zugeführt werden und es dadurch zur Dysbalance mit physiologischen Redoxpartnern kommt. Dies gilt beispielsweise für hochdosiertes Vitamin C bei gleichzeitigem Mangel an Vitamin E. Damit liefert die Studie ein weiteres Gegenargument gegen die hochdosierte Einzelsupplementation ohne medizinische Indikation und nachgewiesenes Defizit.

Raucher besonders gefährdet, Mechanismus unbekannt

Der Lungenkrebsrisiko-erhöhende Effekt von β-Caroten-Supplementen ist seit der CARET-Studie hinlänglich bekannt; ähnliche Hinweise liefern die aktuellen Ergebnisse nun auch für die Vitamine B6 und B12. Möglicherweise beschleunigen diese Substanzen das Wachstum bereits vorhandener Krebsvorstufen. Da dieser Effekt bei Frauen nicht gezeigt wurde, spielen zudem hormonelle Einflüsse eine weitere Rolle.

Dosierungen der B-Vitamine im „orthomolaren Bereich“

Wichtig bei der Interpretation der Studiendaten ist auch der Blick auf die verwendeten Dosierungen: Die DGE empfiehlt für Erwachsene eine Vitamin B6-Zufuhr von 1,2 – 1,5 mg/Tag (1,9 mg/Tag für Schwangere und Stillende); in der Studie betrug die verwendete Dosierung 22 mg/Tag. Ähnliches gilt für die Vitamin B12-Zufuhr: Hier empfiehlt die DGE für Erwachsene 3 µg/Tag (3,5 bzw. 4 µg/Tag für Schwangere bzw. Stillende); in der Studie lag die tägliche Vitamin B12-Zufuhr bei 55 µg/Tag). Wer jetzt denkt, dass die Studienergebnisse aufgrund der erheblichen „Überdosierung“ der Vitamine für die Ernährungspraxis irrelevant seien, der irrt: Denn zwar lagen die verwendeten Dosierungen sowohl für Vitamin B6 als auch für Vitamin B12 in der Studienpopulation erheblich oberhalb der DGE-Zufuhrempfehlungen, sie bewegen sich aber vollkommen im Rahmen dessen, was die Protagonisten der sog. Orthomolekularen Medizin als sinnvoll vertreten und empfehlen. Auch bei uns gibt es Menschen, die in gutem Glauben entsprechend hochdosierte Vitaminpräparate einnehmen.

Auch in Deutschland gibt es ähnlich hochdosierte B-Vitamine

Viele Vertreter sog. „orthomolarer Ansätze“ sind der Meinung, dass die „offiziellen“ Zufuhrempfehlungen für Vitamine systematisch zu niedrig seien. So finden sich – wenig überraschend – in den gängigsten Produkten der sog. Orthomolekularen Medizin Dosierungen der Vitamine B6 und B12, die den kritischen Dosierungen der aktuellen Studie entsprechen: Die bekannten Produkte „Orthomol® Immun“ oder „Orthomol® vital m“ beispielsweise enthalten pro Tagesportion 20 mg Vitamin B6 (in der diskutierten Studie waren es 22 mg). Für Vitamin B12 sind sogar Präparate mit Dosierung von bis zu 1.000 µg im Handel (Studie: 55 µg), die eigentlich der medizinisch indizierten Therapie eines ärztlich diagnostizierten, manifesten Vitamin B12-Mangels vorbehalten sein sollten. Trotzdem werden auch diese Präparate häufig eindeutig als Lifestyle-Produkt zur unspezifischen „Leistungssteigerung“ vermarktet. Angesichts der aktuellen Studiendaten besteht hier dringender Handlungsbedarf der Aufsichtsbehörden.

Wo liegt die Grenzdosis zwischen unbedenklich und gefährlich?

Ein weiterer Aspekt sollte Anlass zum Nachdenken geben: Die Studie liefert keine Analyse dazu, wo innerhalb des kontinuierlichen Dosisspektrums zwischen der (niedrigen) DGE-Zufuhrempfehlung und der (sehr hohen) Präparatedosis jene kritische Grenzdosis liegt, oberhalb derer es gefährlich wird. Unklar ist weiterhin, ab welchem Zeitraum eine hochdosierte Supplementation kritisch wird – es ist ja sicherlich nicht so, dass nach zehn Jahren (Studienanalyse) im Körper ein Schalter umgelegt wird. Und nicht zuletzt: Die wichtige Frage, ob es bestimmte Menschengruppen gibt, für die bereits niedrigere Vitamin B-Dosierungen gesundheitsgefährlich sind, bleibt aktuell ebenfalls unbeantwortet.

Fazit: dringend von hochdosierten B-Vitaminen abraten

Bis all diese Fragen geklärt sind und bis sich auf der regulatorischen Ebene der staatlichen Aufsichtsbehörden etwas tut, wird vermutlich leider noch sehr viel Zeit vergehen. Doch schon jetzt gilt: Wer Menschen ohne nachgewiesenen Mangel die hochdosierte Einnahme vermeintlich unbedenklicher Vitamine empfiehlt, gefährdet möglicherweise gravierend die Gesundheit der Anwender.


Quellen:

Brasky TM et al. Long-Term, Supplemental, One-Carbon Metabolism–Related Vitamin B Use in Relation to Lung Cancer Risk in the Vitamins and Lifestyle (VITAL) Cohort. doi: 10.1200/JCO.2017.72.7735. Journal of Clinical Oncology (22.08.2017, e-pub ahead of print). http://ascopubs.org/doi/abs/10.1200/JCO.2017.72.7735

2 Kommentare

  1. Hallo Prof. Smollich,

    bin auf Ihren Blog durch das Webinar zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten aufmerksam geworden. Wirklich sehr interessante Themen und bin schon auf neue Blogeinträge gespannt.

    Viele Grüße aus Hannover

    1. Vielen Dank, das freut mich! Ich bin mir sicher, dass auch zukünftig spannende Themen dabei sind… – das ergibt sich bei den Entwicklungen der Ernährungsmedizin ganz von allein… 😉

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