Kann Niacin Fehlbildungen verhindern?

Eine aktuelle Studie wirft gravierende Fragen auf: Möglicherweise ist ein nicht erkannter Mangel an Niacin (Vitamin B3) bei Schwangeren für kindliche Fehlbildungen verantwortlich. Sind vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse eine gezielte Ernährungsberatung bei Schwangeren oder eine spezifische Supplementation also sinnvoll?

Zusammenhänge mit VACTERL-Fehlbildung?

Mehr als 2 Prozent aller Kinder kommen mit angeborenen Fehlbildungen zur Welt, deren Ursache meistens nicht geklärt werden kann. Eine seltene Ausnahme sind verschiedene Neuralrohrdefekte, die durch einen Folsäuremangel der Schwangeren verursacht werden können. Zu den Fehlbildungen ohne bekannte Ursache gehört auch die seltene, sogenannte VACTERL-Assoziation, deren Inzidenz bei ca. 1,6 pro 10.000 Geburten liegt. Bei der VACTERL-Assoziation handelt es sich um die multiple Kombination verschiedener Fehlbildungen, bei der u.a. Wirbelsäule, Anorektum, Herz, Speiseröhre, Luftröhre, Nieren und Extremitäten betroffen sind.

In der aktuellen Publikation berichtet das Team um Sally Dunwoodie (Victor Chang Cardiac Research Institute, Sydney) von einem Zusammenhang zwischen der VACTERL-Assoziation mit Gendefekten im Kynurenin-Stoffwechsel (Shi et al. 2017). Infolge dieses Gendefekts kommt es zu einem Mangel an Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD), was in Tiermodellen als Ursache eben der VACTERL-Assoziation bekannt ist. Die Kausalität dieses Zusammenhangs kann als gesichert gelten.

Entscheidende Rolle von Niacin

NAD ist ein wichtiges Coenzym, das an vielen metabolischen Prozessen einschließlich der Glykolyse und der Atmungskette beteiligt ist. Neben der endogenen Synthese über den Kynurenin-Stoffwechselweg kann NAD auch in Form der Vorstufe Niacin (früher als Vitamin B3 bezeichnet) mit der Nahrung aufgenommen werden. Ein nutritiver Niacin-Mangel führt zur Pellagra, die früher dort weit verbreitet war, wo Mais das Grundnahrungsmittel darstellt – denn Mais enthält von Natur aus kein Niacin. Die Folgen dieses nutritiven Niacin-Mangels sind u.a. Dermatitis, Diarrhö, dementielle Syndrome und Tod. Hauptquellen für Niacin in der Nahrung sind in Deutschland alkoholfreie Getränke, Milchprodukte, Fleisch/Wurst und Brot.

Niacin-Mangel als Ursache der Fehlbildungen?

Die Studienautoren vermuten nun, dass ein interuteriner Niacin-Mangel Ursache der VACTERL-Fehlbildung sein könnte. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich zutrifft und ob eine Supplementation von Niacin in der Frühschwangerschaft die Fehlbildungsrate senken kann, werden große Studien erst zeigen müssen. Und bis deren Ergebnisse vorliegen, wird es noch lange dauern.

Aktueller Wissensstand: kein Grund zur Sorge

Frühere Studien aus den USA deuten darauf hin, dass viele Schwangere mit Niacin unterversorgt sein könnten (Baker et al. 2002). Die Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie zeigen jedoch, dass in Deutschland lediglich 2% aller Frauen die Zufuhrempfehlungen für Niacin nicht erreichen – und selbst das bedeutet noch nicht automatisch einen relevanten Mangel. Trotz dieser aktuellen Studie, die zugegebenermaßen auf einen sehr großen Datenpool und gute Statistik zurückgreifen kann: Es besteht keinerlei Grund zur Panik, und erst recht kein Grund zur Supplementation in der Schwangerschaft.

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